Grabsteine vom Jüdischen Friedhof Naumburg in Straße verbaut?

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Nach dem Wiederaufbau 1946: Die Grabsteine ausf dem Jüdischen Friedhof in Naumburg, die von den Nazis nicht zerstört worden waren, wurden wieder aufgestellt. Die meisten erhielten einen neuen Standort. Geplant ist, die Steine unter der Eiche (im Hintergrund) ins Zentrum des Friedhofes zu rücken.

Naumburg. Die Jüdischen Friedhöfe sind besondere Stätten der Ruhe. Die Verstorbenen haben ein ewiges Ruherecht, ihre Gräber sind somit unantastbar. In einer kleinen Serie wollen wir die Jüdischen Friedhöfe in Wolfhagen, Zierenberg, Breuna, Wettesingen und Naumburg vorstellen.

Sie kamen aus Israel und Amerika, besuchten die Stadt ihrer Eltern und Großeltern. Geblieben ist niemand. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich kein Jude mehr in Naumburg niedergelassen. Die einst lebendige Jüdische Gemeinde ist tot. Neben einigen Wohnhäusern erinnert heute vor allem der Friedhof an die Menschen, die mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten aus ihrer Heimat vertrieben und verschleppt wurden. Etwa 25 Naumburger Juden sollen ermordert worden sein, weitere gelten als vermisst.

Von den einst 48 Grabsteinen auf dem kleinen, in einer Gartenanlage an der Elbe befindlichen Friedhof sind noch 23 erhalten. Wie der gebürtige Naumburger und historisch bewanderte Dr. Volker Knöppel in einem Beitrag für das Jahrbuch Landkreis Kassel (1984) schreibt, wurden die Gräber während der Nazi-Zeit geschändet. Steine wurden beschädigt, Inschriften herausgebrochen. Teilweise sollen die Sandsteine als Pflaster im Bereich der Unteren Straße verbaut worden sein. Ein belastbarer Nachweis darüber erxistiert jedoch nicht. Denn als die Untere Straße vor einigen Jahren erneuert wurde, habe man die Augen offen gehalten, sagt Knöppel. Allerdings wurden keine Fragmente von Grabsteinen entdeckt.

Angelegt worden war der Friedhof im Jahre 1826. Zur gleichen Zeit soll es an anderer Stelle noch einen zweiten, einen älteren Jüdischen Friedhof gegeben haben. Wo genau dieser sich befunden hat, ist Knöppel nicht bekannt. Allerdings weiß er, dass es sich um die Flurbezeichnung „Auf der Wanne“ handelt. Wie damals üblich, wird sich die Grabstätte irgendwo fernab von Besiedlungen befunden haben, denn die Juden wurden schon immer schikaniert – ihren Friedhöfen abgelegene Orte zuzuweisen, passte da ins Bild.

Auf beiden Totenhöfen wurden die Verstorbenen aus Naumburg, Elben, Altenstädt und Martinhagen beigesetzt. Die Juden aus den vier Orten bildeten im 19. Jahrhundert die Synagogengemeinde. Über einen Zeitraum von knapp 300 Jahren hatten dauerhaft und nachweislich Juden in Naumburg gelebt. Mit 147 Mitgliedern erlebte die Gemeinde im Jahr 1856 ihren zahlenmäßigen Höhepunkt. Das geht aus alten Unterlagen hervor. Auswanderung und Wegzug ließ die Glaubensgemeinschaft Ende das 19. Jahrhunderts auf etwa 50 Anhänger schrumpfen.

Die Anordnung der Steine auf dem Jüdischen Friedhof heute stimmt nicht mehr mit der originalen Anlage überein. Wie Jochen Petzold, beim RP Kassel zuständig für die Jüdischen Friedhöfe, sagt, soll demnächst eine Gruppe von Grabsteinen aus dem Schatten der großen Eiche geholt und ins Zentrum gerückt werden.

Von Antje Thon

Quelle: HNA

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