vhs und Hephata bringen Behinderte und Nicht-Behinderte Analphabeten zusammen

Schreiben ohne Furcht

Mit Spaß dabei: Zwei Teilnehmer des Alphabetisierungskurses zeigen ihre Übungskärtchen, sie freuen sich, dass sie die Möglichkeit haben Lesen und Schreiben zu lernen. Foto: Herbst

Treysa. Die hellen Holzbuchstaben liegen quer verteilt auf dem Tisch. Das M über dem A, daneben ein O. Angestrengt beugt sich ein Mann Anfang fünfzig über die Buchstaben. Seit vier Wochen besucht er den vhs-Kurs in Treysa, um Schreiben und Lesen zu lernen. Suchend lässt er seine Hand über die Tischplatte gleiten. Er greift nach dem G, nimmt es in die Hand, zögert wieder. In Richtung des Kursleiters, Markus Balkenhol, fragt er unsicher: „Das ist nicht das G, oder?“

Sechs Erwachsene sitzen an diesem Mittwochabend in dem schmalen, gelb gestrichenen Kursraum. Auf den Fensterbänken stehen Pflanzen, farbenfrohe Blumenbilder hängen an den Wänden. Es ist ein Ort zum Wohlfühlen an dem sich die drei Frauen und drei Männer treffen.

Schwierige Biografien

Das Besondere: Behinderte und nicht-behinderte Menschen lernen hier gemeinsam Lesen und Schreiben. Hephata und die vhs haben sich zusammen getan, um möglichst viele Betroffene zu erreichen. Die Teilnehmer haben viele Geminsamkeiten, betont Hille Hobbiebrunken-Oltmer von der vhs. Viele hätten meist schwierige Lebensbiografien und alle seien hoch motiviert. Viele Analphabeten würden sich für ihre fehlenden Kenntnisse schämen. „Die behinderten Teilnehmer gehen da unbekümmerter mit um“, sagt Markus Balkenhol. Das lockert die Atmosphäre innerhalb des Kurses.

Eine der Teilnehmerinnen ist gehörlos. Mit lauter Stimme versucht sie die Silben von Markus Balkenhols Lippen abzulesen und nachzusprechen. Sie zeigt auf das Bild einer Tasse und macht Trinkbewegungen. „Genau. Tasse“, sagt Markus Balkenhol überdeutlich.

Überweisungen ausfüllen, Weihnachtskarten verfassen oder die eigene Adresse aufschreiben. Das sind einige der Ziele, die sich die sechs Teilnehmer gesetzt haben. Wie ein Wegweiser stehen sie auf einer Flipchart notiert am Kopf des Raumes.

„Wir sind hier nicht in der Schule“, sagt Markus Balkenhol energisch. Er meint damit, dass es keinen Lehrplan gibt. Er lehrt genau das, was die Erwachsenen von ihm lernen möchten.

Eine junge Frau am Ende des Tisches hat sich in ihren schwarzen Wintermantel verkrochen. „Ist das richtig?“, fragt sie den Kursleiter und zeigt auf ihr Arbeitsblatt. Die Teilnehmerin kommt aus Bulgarien.

Keine Berührungsängste

Gegenüber der jungen Bulgarierin sitzt ein Teilnehmer, der eine Postkarte schreibt. „Das Wetter in“ hat er etwas schräg, aber gut lesbar notiert. „Bulgarien, wie schreibt man das?“, fragt er in die Runde. „Tolles Wetter in Bulgarien“, ruft die etwa 20-Jährige strahlend und versucht beim Buchstabieren zu helfen.

Von Ann-Kristin Herbst

Quelle: HNA

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