Zu Gast in der Schwalm: Zeitzeugin berichtete über ihren Widerstand in der DDR

Aus der Schule ins Gefängnis

Zeitzeugin zu Gast: Birgit Schlicke berichtete an der Melanchthonschule über ihre Zeit als politischer Häftling im Stasiknast. Foto: Decker

Steinatal. Geschichte hautnah erlebten am Mittwochvormittag Schüler der Oberstufe an der Melanchthon-Schule. Organisiert vom Verein Deutsche Gesellschaft, berichtete Birgit Schlicke als Zeitzeugin über ihren Widerstand in der ehemaligen DDR und ihrer Haftzeit in Hoheneck.

Birgit Schlicke war 16 Jahre alt, als ihre Eltern 1985 für die Familie mit drei Kindern einen Ausreiseantrag aus der DDR stellten. Wegen ihrer hervorragenden schulischen Leistungen durfte sie nach der 10. Klasse in ein Oberstufengymnasium wechseln. Als die Schulleitung von dem Ausreiseantrag erfuhr, verlangte die Direktorin, dass sich die Schülerin von ihren Eltern trennt.

Birgit Schlicke weigerte sich und bestand auf ihrem Ausreisewunsch. Daraufhin musste sie die Schule verlassen. Es sei für die DDR nicht effizient, sie auszubilden, erklärte die Schulleiterin. Folgerichtig durfte die Jugendliche auch keine Lehre machen.

Ihre Eltern gründeten mit anderen Ausreisewilligen eine Gruppe, um Öffentlichkeit herzustellen. Sie nannten sich die „Stadtwanderer von Weißwasser“ und marschierten auf dem Marktplatz immer im Kreis. Bei ihrer dritten Protestwanderung löste die Staatssicherheit (Stasi) die Veranstaltung auf und verhörte die Mitglieder. „Ich hatte große Angst, ins Gefängnis zu müssen“, berichtete Schlicke.

Als 1987 Erich Honecker zum Staatsbesuch in der Bundesrepublik erschien, schickte Birgits Vater eine Petition an die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte im hessischen Frankfurt, um auf den Ausreisewunsch seiner Familie hinzuweisen. Und obwohl dieser Brief nicht über den Postweg, sondern von einer befreundeten Amerikanerin transportiert wurde, erhielt die Stasi eine Kopie.

„Es muss einen Spitzel in der Menschenrechtsgesellschaft gegeben haben“, vermutete Birgit Schlicke. Sie und ihr Vater wurden verhaftet und wegen „Landesverräterischer Nachrichtenübermittlung“ zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Birgit Schlicke kam in das Frauengefängnis Hoheneck. Mit ihren 19 Jahren war sie damals die jüngste Insassin und teilte sich ihre Zelle mit Mörderinnen.

„Viele Frauen waren sehr aggressiv, eine drohte mir, mich im Schlaf mit Rasierklingen zu verletzen“, berichtete Schlicke. „Wir politischen Häftlinge standen in der Rangordnung ganz unten.“ Birgit Schlicke musste im Akkord Zwangsarbeit leisten.

Ihre einzige Hoffnung während der Haft war, von der Bundesrepublik frei gekauft zu werden. Doch dazu kam es nicht mehr. Die Revolution von 1989 führte zu einer Amnestie für die politischen Gefangenen. Birgit Schlicke verließ am 17. November 1989 das Gefängnis und reiste mit ihrer Familie am 3. Dezember in die Bundesrepublik. Sie bestand ihr Abitur und studierte Amerikanistik, Anglistik und Politikwissenschaften.

Von Christiane Decker

Quelle: HNA

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