Ein anderer Blick auf die Tracht

Das Schwälmer Wunder

Schwalm-Eder. Ursprünglich bezeichnet die Tracht eine Standeskleidung, später entstanden Alltags- und Festtagstrachten. Mit dem Boom des Oktoberfestes hat sich das bayrische Dirndl inzwischen zum Modekult entwickelt. Wir wagten einen etwas anderen Blick auf die Schwälmer Tracht.

Die Schwälmer Tracht als Haute Couture in aufwändiger Verarbeitung und bestehend aus feinsten Materialien: In der aktuellen Ausgabe des Sterns inszeniert die bekannte Modefotografin Ellen von Unwerth auf einzigartige Weise Kleiderkunst vom Lande. Neben Trachten wie der Schwarzwälder, Thüringer und Pommerschen bildet der Kopfschmuck der Schwälmer Brauttracht den zentralen Punkt der mehrseitigen Bilderserie.

Anmutig präsentieren Fotomodelle Trachten in Kornfeldern, Obstgärten und Bauernhöfen. Fast verfremdet wirkt der Trachtenschmuck an stark geschminkten, fast unnatürlich schönen, jungen Frauen - herausgelöst aus ihrer alltäglichen Umgebung und weit weg von der gewöhnlichen Trägerin.

Ursprünglich waren es die alten Schwälmer Maler wie Gerhardt von Reutern und Carl Bantzer, die zu Blütezeiten der Willingshäuser Malerkolonie die Tracht in zahlreichen, zum Teil weltberühmten Genreszenen und Portraits darstellten. Es ist aber auch die Möglichkeit der Verfremdung der in der Region ganz und gar nicht vergessenen Schätze, die Künstler der Gegenwart beflügelte.

Da ist Waltraud Frese. Unter anderem für diverse Ausstellungen im Dorfmuseum Holzburg formte die ehemalige Kunsterzieherin, die auf dem Alten Pfarrhof in Holzburg und in Frankfurt lebt, die alten Elemente der Schwälmer Tracht mit neuen Materialien und Techniken um und kreierte so vollkommen neue Kleidungsstücke.

Auch Stipendiaten der Willingshäuser Künstlerkolonie beschäftigten sich mit der Tracht, die in allen Regionen - fast wie heute ein Facebook-Profil - auf einen Blick auch Auskunft über Herkunft und soziale Stellung der Trägerin gaben. Während Frese sich in ihren Entwürfen von dem Schwälmer Kleidungsstil inspirieren ließ, schuf die Stipendiatin Elke Mark während ihres Aufenthaltes in der Schwalm aus alten Trachtenteilen neue Kreationen, an denen der Betrachter in einem unbekannten Zusammenspiel lediglich altbekannte Teile der Tracht wiedererkannte.

Die Kopfbedeckung der Schwälmer Tracht hatte die Stipendiatin Kerstin Lohmann in den Fokus gerückt. Mit Umformungen den Blick zurück auf das Traditionelle richten - unter diesen Titel hatte sie ihr Stipendium in der Künstlerkolonie gestellt. Sie fertigte für eine Installation in der Kunsthalle am Gerhardt von Reutern-Haus das traditionell rote Käppchen der unverheirateten Schwälmerin in Serie, in Anlehnung an 162 unverheiratete Willingshäuserinnen.

Die Tracht in der Tradition, als modisches Kleidungsstück oder als inspirierendes Element der Kunst - immer streift uns wie im Magazin Stern beschrieben, „etwas Beständiges, ein Stück Heimatgefühl“. Etwas Urtümliches.

Von Sylke Grede

Quelle: HNA

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