Tausende Menschen im Landkreis leiden unter Zwangsstörungen

Schwalm-Eder. Der eine kommt immer zur spät zur Arbeit, der andere schlüpft immer in den rechten Strumpf zuerst, ein dritter wäscht sich die Hände blutig. Der Übergang von der Marotte zur krankhaften Zwangsstörung ist fließend.

Der Autor dieses Artikel stellt die Lautstärke seines Autoradios immer auf ungerade Zahlen. Und eine Redaktionsassistentin kann ihren Joghurt nur mit Plastiklöffeln essen. Marotten, nennt das Dr. Manfred Schäfer, Ärztlicher Direktor der Hardtwaldkliniken für psychosomatische Erkrankungen in Bad Zwesten.  "Das sind liebenswerte Eigenschaften. Die hat fast jeder Mensch und sie machen uns einzigartig."

Viele wüssten gar nicht, dass sie sie haben, da man sie ganz automatisch ausführe. Manche schlüpfen immer in den rechten Strumpf zuerst, bekreuzigen sich nach einem Tor auf dem Fußballplatz oder betreten diesen immer mit dem rechten Fuß voran.

Falls man sie aus einem bestimmten Grund nicht ausführen könne, sei das ärgerlich, aber die Welt gehe nicht unter, sagt Schäfer. Der Übergang zur krankhaften Zwangsstörung sei jedoch fließend.

Unter Marotten leide der Alltag nicht. "Aber es gibt Menschen, die kommen regelmäßig zur spät zur Arbeit, weil das morgendliche Hausvelassen immer länger dauert." Zig mal gehen sie zurück und überprüfen die Haustür. Andere Menschen rubbeln sich wegen eines Waschzwangs blutig.

Zwei Prozent der Menschen in Deutschland betroffen

Diese Menschen leiden unter Zwangsstörungen, einer psychosomatischen Erkrankung. In Deutschland sind etwa zwei Prozent der erwachsenen Menschen betroffen. Man unterscheidet zwischen Zwangsgedanken und Zwangshandlungen, sagt Schäfer.

Zwangsgedanken äußern sich beispielsweise in der ständigen Angst, dass dem Partner etwas zustoßen könnte oder Türgriffe so verschmutzt sind, dass man sie nicht anfassen dürfe. Zwangshandlungen liege oft ein Kontroll- oder Ordnungszwang zugrunde. Dinge müssen gezählt werden, der Körper ständig gereinigt oder die Wohnung geputzt werden.

Marotten regelmäßig durchbrechen

Manfred Schäfer rät dazu, auch Marotten regelmäßig zu durchbrechen. "Es reicht nicht zu sagen, ich kann das jederzeit lassen oder ich könnte, wenn ich wollte." Man müsse es auch ausprobieren. Dies sei sogar eine brauchbare Methode zu überprüfen, ob es sich bereits um zwanghafte Handlungen handele.

Eine zwanghafte Handlung sei aber noch kein Grund, zu verzweifeln. Nicht alle müsse man therapieren - jedenfalls nicht, solange die Auswirkungen nicht alltagsrelevant seien, sagt Schäfer. Allerdings könnten die Zwangshandlungen zunehmen und sich ausweiten. Die Therapie sei indes nicht ganz einfach. Eine Zwangsstörung sei hartnäckig. "Wir können die Auswirkungen aber mildern helfen", sagt Schäfer.

Die Gründe für Marotten und Zwangsstörungen seien dieselben. "Uns wohnt ein Wunsch inne, auf unsere Umwelt Einfluss zu nehmen; Unkontrollierbares zu kontrollieren", erklärt Schäfer, der zwar selbst keine Marotte an sich kennt, aber nach eigenem Bekunden auch so genügend Ecken habe.

Von Damai D. Dewert

Quelle: HNA

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