Hartz IV und die Vorurteile

Organisierte Arbeitslose kritisieren Umfrage der Bundesagentur

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Oase-Vorsitzender Lutz Baumann aus Borken

Schwalm-Eder. Glauben Sie, dass Hartz-IV-Empfänger nicht arbeiten wollen? Nein? 40 Prozent der Deutschen schon. Zu diesem Ergebnis ist jetzt das Institut für Demoskopie Allensbach mit Sitz in Allensbach am Bodensee in einer repräsentativen Erhebung gekommen, die von der Bundesagentur für Arbeit in Auftrag gegeben wurde.

Kritik an der Umfrage gibt es von den Organisierten Arbeitslosen Schwalm-Eder (Oase). Deren Vorsitender, der arbeitslose Diplom-Chemiker Lutz Baumann aus Borken, ist nicht überrascht: „Das Ergebnis der Umfrage verwundert uns wenig. Wurde doch die Stigmatisierung der erwerbslosen Menschen von Politik und Wirtschaft mit Inbrunst und System über viele Jahre hinweg gezielt in die Gesellschaft getragen.“

Die Bundesagentur für Arbeit schreibt in einer Pressemitteilung, dass Vorurteile über arbeitsunwillige Hartz IV-Empfängern nichts mit der Realität zu tun hätten. Seit gut einem Jahr kämpft sie mit einer Kampagne gegen Ressentiments.

Der Name der Kampagne lautet „Ich bin gut“. Der vermeintliche Makel Hartz IV und die damit verbundenen Vorbehalte würden die Vermittlung der Arbeitssuchenden ins Berufsleben erschweren, heißt es weiter von der BA.

„Dann muss man sich mal vorstellen von wem diese Vorurteile befeuert werden“, sagt Baumann: Und er nennt Beispiele. Altkanzler Gerhard Schröder (SPD): „Es gibt kein Recht auf Faulheit.“ Der Kanzler hatte 2001 die Arbeitsämter aufgefordert, nicht so zimperlich mit Arbeitslosen umzugehen. Franz Müntefering (SPD) sagte 2006: „Nur wer arbeitet, soll auch essen“ und Wolfgang Clement (ehemaliger SPD-Politiker) bezeichnete Leistungsempfänger in einer Sabine-Christiansen-Talkshow indirekt als Schmarotzer und Parasiten. Guido Westerwelle (FDP, Außenminister) sagte 2010: „Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein“.

„Das ist üble Propaganda“, kritisiert Baumann. Er zweifelt am Erfolg der Kampagne, solche Vorurteile aus der Welt zu räumen: Auf der Internetseite gebe es ein Irrtümer-Quiz. In einer Antwort heiße es, dass für 75 Prozent der Leistungsempfänger Arbeit das Wichtigste im Leben sei. „Was soll das für eine Aussage sein? Hoffentlich sind Familie, Freunde und Gesundheit für alle Menschen das Wichtigste im Leben“, gibt er zu bedenken.

„Am negativen Image der erwerbslosen Menschen hat die Bundesagentur für Arbeit in der Vergangenheit kräftig mitgearbeitet“, sagt Baumann. Der Diplom-Biologe und 2. Vorsitzende der Oase, Reinhold Schumann, übt ebenfalls Kritik an der Internetseite: In einem Werbefilm werde die Erfolgsgeschichte eines Menschen mit Handicap gezeigt. „Das suggeriert doch, dass Hartz IV-Empfänger körperlich oder geistig behindert sind. Fakt ist aber, dass ein Großteil der Leistungsempfänger gut qualifiziert ist“, sagt der Schwalmstädter.

Die Gesellschaft brauche Aufklärung und kein Quiz, dass zeige sich in den Ergebnissen der Umfrage, so Schumann.

Von Damai D. Dewert

Quelle: HNA

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