Im Archiv der Schwalm in Ziegenhain gibt es eine umfangreiche Auswanderer-Kartei

+
Dokumentiert: Auf Karteikarten wurden unter anderem Name, Wohnort und Beruf der Auswanderer festgehalten. Auch das Abreisejahr findet sich darauf, oben links.

Ziegenhain. Nicht nur heute gilt Auswandern als ein echtes Abenteuer. Auch vor mehr als 130 Jahren - um 1880 - entschieden sich Menschen zum Aufbruch in eine neue Heimat, darunter viele Schwälmer. 

Dokumentiert sind die Namen in einer Auswanderer-Kartei im Archiv der Schwalm. „Ein Teil der Namen ist in einer Online-Datei erfasst. Die Listen wurden in Bremerhaven gelagert, einige sind aus Platzmangel aber auch verbrannt worden", erklärt Historikerin Dr. Simone de Santiago Ramos, die zusammen mit Birgit Roth das Archiv betreut.

Wieviele Schwälmer nach England und in die USA auswanderten, lässt sich deshalb kaum nachvollziehen. Es habe Wellen der Auswanderung gegeben, erklärt de Santiago Ramos. „Nach den amerikanischen Unabhängigkeitskriegen sind viele auch dort geblieben, denn sie erhielten eigenes Land.“

Verschiffung: Ähnliche Szenen wie auf diesem Holzstich von 1866 zu sehen dürften sich in den Hafenbecken abgespielt haben.

Einige Namen von Schwälmer Familien finden sich häufig in den Listen: Schwalm, Hoos und auch Fenner. Hervor gingen die Karteikarten aus den Dokumenten des sogenannten Untertanenverbandes: „Jeder Mann musste sich abmelden. Meist wanderte die ganze Familie samt Kindern aus“, erklärt Roth. De Santiago Ramos weiß, dass es sogar Werber gab, die durch die Lande zogen: „Gern genommen waren etwa Bäcker für große Betriebe.“ Handwerker seien sehr gefragt gewesen.

Der ehemalige Schwälmer Adolf Pemsel machte in Philadelphia Karriere: Er gründete ein Bestattungsunternehmen. Immer wieder stiftete er der Schwalm Geld, unter anderem 1922 für den Kauf von Lebertran für „unterernährte und bedürftige Kinder“. 1928 besuchte er die Festungsstadt und wurde als Wohltäter gefeiert. Hephata erhielt 1921 „von barmherzigen Freunden aus Amerika“ eine Anzahl Kühe. Und Fräulein Helene Wolff aus Philadelphia spendete dem Frauenverein Treysa 1000 Mark.

Der Passagier- und Frachtdampfer Columbus: Von Bremerhaven oder auch Bremen aus machten sich die Auswanderer auf in eine neue, oft unbekannte Zukunft. Das Foto stammt aus dem Jahr 1927.

Die Auswanderer zog es zunächst in die großen Städte, „wo sie immer irgendeine Arbeit fanden“. Es entwickelten sich Stadtbezirke, in denen Deutsch beibehalten wurde. „Bis zum Ersten Weltkrieg gab es in den USA 21 deutschsprachige Zeitungen“, erklärt die Historikerin. Sie wurden verboten und erst 1927 wieder erlaubt.

„Viele hatten uneheliche Kinder. Um ihnen die Schande im Dorf zu ersparen, brachen die Frauen in eine neue Heimat auf.“

„Es durfte zeitweise nur zuhause Deutsch gesprochen werden. Auch Gottesdienste wurden nur noch in Englisch abgehalten. Dabei gab es einen regen Austausch - viele Pfarrer gingen für einige Jahre in die USA“, sagt Simone de Santiago Ramos. Häufig ausgewandert seien im Übrigen auch alleinstehende Frauen. „Viele hatten uneheliche Kinder. Und um ihnen die Schande im Dorf zu ersparen, brachen die Frauen in eine neue Heimat auf.“

Quelle: HNA

Kommentare