Kammerchor des Kirchenkreises mit geistlicher Abendmusik

Als schwebe die Seele

Hohes Niveau: Der Kammerchor des Kirchenkreises Fritzlar hatte acht Monate lang geprobt. Einstudiert wurde das Programm von Bezirkskantor Reiner Volgmann. Foto: Auerbach

Fritzlar. Erhabene, schön fließende Klangbilder erfüllten die Evangelische Stadtkirche in Fritzlar. Unter dem Motto: „Musik zwischen Tod und Leben“ zelebrierte Bezirkskantor Reiner Volgmann geistliche Abendmusik am Volkstrauertag. Damit erinnerte er an die Toten von Krieg und Gewaltherrschaft.

Mit Werken an der Schwelle zwischen Renaissance und Barock verlieh Volgmann Tod und Trauer den musikalischen Ausdruck. Der Kammerchor des Kirchenkreises Fritzlar, Christian Zierenberg am Cembalo und Reiner Volgmann an der Orgel bildeten dazu den harmonischen Klangkörper.

Sechsstimmiger Gesang

Wunderschöner, sechsstimmiger, fast sphärischer Chorgesang in Claudio Monteverdis geistlicher Motette „Adoramus te, Christe“ von 1620 eröffnete die Abendmusik. Es folgten vier Orgelstücke aus der Zeit von 1468 bis 1612, die der Bezirkskantor als Solist an der Bosch-Orgel erklingen ließ. Als Höhepunkt wählte der Bezirkskantor die „Musikalischen Exequien“ des Komponisten Heinrich Schütz (1585 bis 1672).

Lange Vorbereitung

Es ist eine dreiteilige, deutschsprachige und sakrale Tonschöpfung, die dramatischen Ausdruck vermeidet. Heinrich Schütz komponierte sie aus Anlass des Todes des thüringischen Landesfürsten Graf Heinrich Posthumus von Reuß im Jahr 1635. Reiner Volgmann hob Details hervor, die das Werk bestimmen, und er führte die Mitwirkenden umsichtig durch die Herausforderungen der Musik.

Nach achtmonatiger Vorbereitungszeit gelang eine einfühlsame, manchmal fast meditative Interpretation. „Nacket bin ich vom Mutterleib gekommen. Nacket werde ich wiederum dahin fahren“. Mit dieser bildhaften Aussage zu Leben und Tod stimmten der Tenor und die Sänger der ersten Soli die Exequien an.

Es folgten 25 im Wechsel gesungene Bibelworte und Choralpassagen. Gefühlvoll und präzise fügten sie ihre Stimmen in schwierigen, gestaffelten Einsätzen zusammen. Beweglich und mit schönen Nuancierungen betonten sie die Texte, die den Tod, die Trauer, aber auch die Hoffnung zum Inhalt hatten.

Und auch der Chor ließ die Zuhörer die innere Größe der Komposition erfahren, als er freudig ausdrückte: „Weil du vom Tod erstanden bist, werd ich im Grab nicht bleiben. Todsfurcht kannst du vertreiben, denn wo du bist, da komm ich hin.“

Für die Motette „Herr, wenn ich dich habe“, die den zweiten Satz des Werkes bildet, teilte Reiner Volgmann den Chor effektvoll in zwei vierstimmige Ensembles.

Die trösteten nachdrücklich mit den Worten: „So bist du doch, Gott, allezeit meines Herzen Trost.“ Im letzten Satz der Exequien, es ist der Titel: „Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren“, bezog Volgmann den Kirchenraum in das Klanggeschehen mit ein. Die Sänger mit hoher Stimmlage sangen von der Empore aus und verstärkten damit den Eindruck, die Seele schwebe hoch zum Himmel.

Zwischen den Teilstücken der Exequien spielte Christian Zierenberg am Cembalo filigran perlende Stücke der Renaissance- und Barockkomponisten Matthias Weckmann, Jan Pieterszoon Sweelinck und Johann Jakob Froberger.

Kraftvoller Schlussgesang

Als Schlussgesang brachte der Chor mit dem „Agnus Dei“ des zeitgenössischen, estnischen Komponisten Urmas Sisask (*1960) ein Werk zu Gehör, das durch gregorianische Stilelemente und kraftvoll anschwellende und verklingende Wiederholungen berührte.

Eine eindrucksvolle Aufführung. Der Kammerchor gab Zeugnis seines hohen Niveaus. Die Zuhörer dankten mit Applaus im Stehen.

Von Michael Auerbach

Quelle: HNA

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