HNA-Interview über die Arbeit der Telefonseelsorge Marburg im südlichen Schwalm-Eder-Kreis

Seelentröster rund um die Uhr

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Die richtige Ansprache: Als Telefonseelsorger muss Pfarrer Sven Kepper zuhören und sich selbst zurücknehmen.

Zum Einzugsgebiet der Telefonseelsorge Marburg gehören der südliche Schwalm-Eder-Kreis und der Landkreis Waldeck-Frankenberg. Über diese Einteilung und darüber, was ein ehrenamtliche Mitarbeiter am Telefon leisten muss, sprachen wir mit dem Leiter, Pfarrer Sven Kepper.

Sie suchen neue ehrenamtliche Mitarbeiter für die Telefonseelsorge, der neue Ausbildungskurs beginnt im Frühjahr. Wer kommt dafür in Frage?

Kepper: Wir suchen Menschen mit dem Herz am rechten Fleck, die Zeit mitbringen und Lebenserfahrung. Außerdem sollten sie im christlichen Glauben beheimatet sein, denn die Religion gibt den Wertekanon vor, den die Mitarbeiter nach Außen vertreten. Er kann auch in den Beratungsgesprächen zum Thema werden, muss es aber nicht. Übrigens sind die Anrufe, die ein Glaubensthema zum Inhalt haben, in der Minderzahl.

Wieso ist die Seelsorge in Marburg überhaupt für den südlichen Schwalm-Eder-Kreis zuständig?

Kepper: Es gibt 105 Telefonseelsorge-Stellen in Deutschland. Von der Schwalm aus betrachtet ist die Stelle in Marburg die nächste. Deshalb werden Menschen in Schwalmstadt und Frankenberg von Marburg aus mitbetreut.

Und gibt es in der Schwalm selbst vergleichbare Angebote?

Kepper: Nein, es gibt keine kostenfreie Nummer dieser Art, die 24 Stunden erreichbar ist. Es gibt allerdings zunehmend Beratung und Lebenshilfe am Telefon, bei denen kommerzielle Interessen im Vordergrund stehen. Ratsuchende und Menschen in Not müssen hier für Lebenshilfe bezahlen. Wir haben Zweifel an der Qualität dieser Angebote.

Haben Sie auch ehrenamtliche Mitarbeiter, die aus der Schwalm kommen?

Kepper: Nein, zurzeit nicht. Es gibt immer wieder Interessierte, die aber die Strecke abschreckt. Viele wissen nicht, dass wir die Fahrtkosten jedoch übernehmen.

Welche Anrufer melden sich bei Ihnen? 

Kepper: Neben dem Menschen, die Probleme haben, gibt es auch Scherzanrufer. Jugendliche, die sagen, dass sie auf der Toilette eingeschlossen und die Eltern im Urlaub sind. Darauf gehen wir mit Humor ein, machen aber im Gespräch klar, dass sie sich bei wirklichen Problemen an uns wenden sollten. Gelegentlich rufen auch Männer an, die sich sexuell erregen wollen. Das ist unangenehm, aber in der Ausbildung lernen die Mitarbeitenden damit umzugehen. Bei missbräuchlichen Anrufen, legen unsere Mitarbeiter sofort auf.

Mit welchen Problemen wenden sich Menschen an Sie?

Kepper: Es rufen immer mehr Menschen mit wirtschaftlichen Sorgen an, die viel zu wenig Geld haben. Das sind besonders viele Ältere, die sich schämen zum Sozialamt zu gehen. Auch Frauen, die vor einer Trennung oder Scheidung stehen, kontaktieren uns häufig wegen Unterhaltsfragen. Beziehungsprobleme sind oft ein Thema. Aber auch Menschen mit Zwängen wie dem Waschzwang suchen bei uns Beratung.

Wichtig ist, dass die Hotline kostenlos ist, egal, ob sie vom Handy oder Festnetz aus anrufen. Das hat die Telekom so eingerichtet, über sie läuft die Hotline deutschlandweit.

Gibt es auch Anrufer, die drohen, sich umzubringen?

Kepper: Die gibt es auch, aber von 100 ist das vielleicht einer. Bei diesen Menschen geht es darum, sie dazu zu bringen, ins Gespräch einzusteigen und ihnen andere Handlungsoptionen aufzuzeigen.

Welche sind das?

Kepper: Wenn der Mensch mit Suizidgedanken sagt, es gebe keinen anderen Menschen mehr in seinem Leben, dem er sich anvertrauen könne, intervenieren wir. Wir müssen ihn von der Idee runterbringen, dass da kein Mensch mehr ist.

Wir versuchen dann herauszukitzeln, welche schönen Begegnungen er in seinem Leben hatte und wie es dazu gekommen ist, auch wenn sie zufällig waren. Wenn er antwortet, „da hatte ich mehr Lebensenergie“, fragen wir warum das so war. So geht es weiter, bis eine andere Lösung sichtbar wird.

Es gibt also bestimmte Voraussetzungen, die ich für die Mitarbeit bei der Seelsorge in Marburg mitbringen muss? 

Kepper: Wir suchen keine Alleskönner oder psychologisch vorgeschulten Menschen. Aber die einjährige Ausbildung ist sehr intensiv, wir klopfen genau ab, ob der Bewerber zu uns passt. Es geht darum, dass sie sich in der Ausbildung selbst kennenlernen und sich ihre eigenen eigenen problematischen Erfahrungen bewusst werden, damit diese nicht plötzlich bei Gesprächen hervorbrechen. Eine Schicht dauert fünf Stunden, in der Zeit nehmen sie rund zwölf Anrufe entgegen.

Von Nina Nickoll

Quelle: HNA

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