Familie Schmerer unterstützt schwerbehinderte Tochter

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Halten zusammen: Sabine Schmerer (in der Mitte) mit (von links) ihrer Zwillingsschwester Tanja Neubert, ihrer Mutter Monika Schmerer und ihrer Nichte Leonie.

Schwalmstadt. „Dass etwas nicht stimmen muss, habe ich erst gemerkt, als mir keiner zur Geburt gratulierte“, sagt Monika Schmerer. Ihre Zwillinge kündigten sich viel zu früh an.

Monika und Heinrich Schmerer fuhren am Nikolaustag 1976 ins Krankenhaus. Die Wehen hatten fast zwei Monate vor dem errechneten Geburtstermin eingesetzt.

Die beiden Frühchen, Tanja und Sabine, waren winzig. Tanjas Kopf passte in eine Hand. Nach vier Wochen konnte sie gesund entlassen werden. Sabine musste wenige Tage nach der Geburt operiert werden. Sie kam mit einem offenen Rücken und einem Wasserkopf zur Welt. Das Mädchen überlebte.

Das ist 36 Jahre her. Heute ist Sabine Schmerer eine offene junge Frau, die Freude am Leben hat. Sie hört gerne Schlagermusik, am liebsten Andrea Berg. Den Text von „Du hast mich 1000 mal belogen“ singt sie auswendig mit und wippt dazu mit ihrem Kopf. Sabine kann nur ihren Kopf und ihre Finger bewegen. Ihr Rollstuhl ist eine auf sie angepasste Sonderanfertigung. Alleine könnte sich die 36-Jährige nicht in ihrem Stuhl halten.

Auch den Alltag kann Sabine nicht alleine bewältigen. Sie wohnt zu Hause bei ihrer Familie. Ihre Mutter kümmert sich um sie. Früh morgens weckt sie ihre Tochter, wäscht sie, bringt ihr das Frühstück und kleidet sie an. Dann wird Sabine zur Arbeit abgeholt. Sie arbeitet in einer Werkstatt in Hephata, wo sie Schraubenzieher herstellt.

„Sabine ist ein kleiner Sonneschein“, sagt ihre Zwillingsschwester Tanja. Man merkt, wie stolz sie auf Sabine ist.

Als Monika und Heinrich Schmerer im vergangenen Jahr aus ihrer Wohnung auszogen und keine behindertengerechte Alternative fanden, zog Sabine für ein Jahr zur Familie ihrer Schwester. „In dem einen Jahr habe ich gemerkt, was meine Mutter jeden Tag leistet“, sagt die Nageldesignerin.

Neben der intensiven Betreuung, sei auch die Mobilität innerhalb des Landkreises schwierig. „Zum Beispiel die Bahnhöfe: Viele sind nicht behindertengerecht. Mit dem Zug zum Weihnachtsmarkt geht nicht so einfach“, sagt die 36-Jährige aufgebracht.

Tanja Neubert setzt sich für ihre Schwester ein. Seit ihrer Kindheit sind die beiden eng miteinander verbunden. „Als Kind war ich traurig, wenn ich Seil gesprungen bin, weil Sabine das nicht konnte“, erzählt Tanja Neubert, „aber Sabine meinte dann immer, ach das macht doch nichts. Ich zähle einfach, wie viele Sprünge du schaffst.“ Auch Tanja Neuberts Tochter Leonie hat Sabine ins Herz geschlossen und geht ganz selbstverständlich mit ihrer Tante um. Innerhalb der Familie hat die 36-Jährige Sabine keine Sonderstellung: „Wir versuchen alle unsere Kinder gleich zu behandeln“, meint Monika Schmerer. Vielleicht ist es das was Sabine so selbstbewusst macht.

Von Ann-Kristin Herbst

Quelle: HNA

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