Klägerin kämpft mit Tränen

Dürftige Tatsachengrundlage: Sexueller Missbrauch im Ehebett war nicht zu beweisen

Marburg/Schwalm-Eder. Die Familie des Angeklagten atmete bei der Urteilsverkündung im Landgericht Marburg hörbar auf. Der 58-jährige Mann aus dem Landkreis, der wegen schwerem sexuellen Missbrauchs eines Kindes vor dem Richter stand, wurde am zweiten Verhandlungstag freigesprochen.

Die Beweisaufnahme wurde zunächst fortgesetzt, die beiden Söhne des Angeklagten wurden als Zeugen vernommen (HNA berichtete). Die Befragung der heute 32- und 28-Jährigen brachte keine neuen Erkenntnisse. Sie seien mit dem älteren Bruder der heute 24-jährigen Nebenklägerin befreundet gewesen. Zum Tatvorwurf konnten sie keine Angaben machen.

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft bestätigte die Beweisaufnahme insgesamt die Anklage. Im Ehebett, in dem die damals Acht- oder Neunjährige einmalig zwischen dem Angeklagten und seiner Ehefrau geschlafen habe, sei es zu Übergriffen auf das Mädchen gekommen. Es gebe keinen Grund, an der Glaubwürdigkeit der jungen Frau zu zweifeln. Sie habe stets konstante und schlüssige Angaben gemacht und sie habe auch kein Motiv, den Angeklagten zu Unrecht zu beschuldigen.

Die Anwältin der Nebenklägerin erklärte ergänzend, dass das Hauptanliegen ihrer Mandantin sei, mit der Sache abzuschließen. „Das Wichtigste für sie ist, dass man ihr glaubt“, betonte sie.

Der Verteidiger wies auf die weitreichenden Auswirkungen einer möglichen Verurteilung hin. Er habe seinen Mandaten darüber aufgeklärt, dass es in rund 90 Prozent der angeklagten Missbrauchsfälle zu einer Verurteilung komme und nur begründete Zweifel zu einem Freispruch führen. Immer wieder habe der 58-Jährige jedoch seine Unschuld beteuert.

„Dreh- und Angelpunkt ist die Aussage der jungen Frau“, sagte der Anwalt. Bei einem so simplen Sachverhalt könne die Glaubhaftigkeit nicht allein an der Konstanz und Widerspruchsfreiheit der Aussage gemessen werden. Auch die offensichtliche emotionale Beteiligung der Nebenklägerin sei kein Indiz für ihre Glaubwürdigkeit.

Nach kurzer Beratungszeit verkündete der Vorsitzende Richter den Freispruch. „Hier steht Aussage gegen Aussage“, begründete er die Entscheidung. Die dürftige Tatsachengrundlage genüge nicht den strengen Anforderungen an den Nachweis einer Straftat.

Das Gericht hatte dabei keinen Zweifel daran, dass die junge Frau subjektiv überzeugt davon ist, missbraucht worden zu sein. Möglicherweise sei es für sie als Kind beängstigend gewesen, in einem fremden Ehebett zu schlafen. Über die Jahre hinweg könne dies zu einer falschen Auslegung des Geschehens geführt haben.

Die bis zu diesem Zeitpunkt tapfere 24-Jährige kämpfte bei der Urteilsbegründung mit den Tränen.

Laut ihrer Schilderung war die Tat zwischen Anfang 1996 und dem 31. März 1998 geschehen. Die heute geschiedene Ehefrau des Angeklagten und die Mutter des Mädchens waren zu jener Zeit beste Freundinnen, so dass es Übernachtungen auch des Kindes im Hause gab – einmal auch in dem Ehebett. Beim Erwachen während des Übergriffs habe die Frau ihren Mann angeherrscht mit den Worten: „Was machst du da? Bist du bescheuert?“

Jahre später traf die Nebenklägerin den Mann zufällig beruflich wieder – und entschloss sich voriges Jahr zur Anzeige, da ihr der Missbrauch in der Zwischenzeit wieder eingefallen sei.

Quelle: HNA

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