Die Sicht der Amerikaner

Das Gemeindearchiv Niederelsungen durfte mit Erlaubnis der „Perdue-University Press, West-Lafayette, Indiana“ das bei ihnen erschienene Buch „From Boston to Berlin“ ins Deutsche übersetzen. Zwei amerikanische Soldaten – Roland J. Regan und Frederick J. Mauriello, Sr. – haben während des Zweiten Weltkrieges Briefe in ihre Heimat geschrieben. Sie waren auch in Niederelsungen unterwegs. Hier einige Eindrücke aus dem 5. Kapitel „Der Zusammenbruch des Dritten Reiches (Mai 1945 bis Dezember 1945).

Victory Day – Siegestag – 8.Mai 1945 

Liebe Mutter,

heute ist der Krieg in Europa vorüber! Überall in der Welt feiern die Leute. Es gibt Musik, Reden und Parties. Die Zivilbevölkerung ist ganz verrückt in der Begeisterung des Sieges. Jeder schreit: „Wir haben den Krieg gewonnen“. Alles sind begeistert, nur die nicht, die gekämpft haben. Die Jungens sind ruhig und in gedrückter Stimmung. Keine Reden, kein wildes Schreien oder Singen. Es ist ruhig. Wir haben zu lange auf den Sieg gewartet. Die Schlacht für den Sieg wurde vor Wochen gekämpft. Frieden ist ein verspäteter Höhepunkt.

Ich weiß nicht wieso, aber die Jungen freuen sich nicht. Statt eines kirchlichen Feiertages haben wir einen Arbeitstag. Wir sind mit uns selbst unzufrieden. Die Art, wie wir das Ende des Krieges fühlen, ist die größte Enttäuschung in unserem Leben. Wir können kein Gefühl von Begeisterung oder Enthusiasmus produzieren. Wir scheinen müde und faul. Es scheint kein Schwung mehr übrig zu sein in unserem Leben. Leben scheint uns eine Wiederholung monotoner Tage. Wir haben eine gigantische Aufgabe geleistet. Der Welt größten blutigsten Krieg. „Kleiner Mann, was nun?“

Die Welt hält ein und nimmt einen Feiertag. Nicht aber die Armee. Wir sind eher Arbeiter, die ihr Tagewerk vollbracht haben. Ein ruhiges Gefühl der Zufriedenheit über das, war wir gemacht haben, an unserem Arbeitstag. Für heute hören wir auf, aber morgen ist ein neuer Tag, und es liegt noch eine gigantische Aufgabe vor uns. Wir ruhen, um Kraft für morgen zu sammeln. Heute sollte ein Tag des Gebetes sein, statt Feiern. Gebete zu Gott. Dankgebete. Danke an Gott, dass er so viele von uns bewahrt hat. Danke Gott, dass der Krieg nie unsere Heimat berührt hat. Gebete für alle, die Alles für ihr Land gegeben haben. Jene, deren Augen und Ohren geschlossen wurden durch die Berührung des Todes. Möge Gott ihren Seelen barmherzig sein. Erinnert euch an sie bei eurem wilden Feiern.

Der Krieg hat eine unvorstellbare Menge Geld gekost et. Mehr als das, es hat Leben gekostet und Jahre der Jugend, die niemals ersetzt werden können. Während ich schreibe, gehen meine Gedanken zurück an meine Hochschultage. An die Tage, als der Große Kampf Football war. Die Jungens dieses Teams, das wir unseres nannten, wandern über meine Briefseiten. Ich kann sie nicht sehen, meine Augen sind von Tränen getrübt. Die Jungen dieses Teams werden nicht mehr zusammenkommen und über die glorreichen Tage sprechen. Sie spielten das Spiel in Belgien und Frankreich zu hart. Wir vermissen sie. Sie werden nur noch in unseren Erinnerungen laufen und spielen. Für sie ist das Spiel vorbei. Sie haben nicht mal das letzte Tor fallen sehen. Nein, wenigstens schreibt ihre Namen in goldenen Buchstaben in die Gedenkbücher der Städte.

Feiert nur. Heute Nacht lebe ich in Sammlung und Erinnerung. Morgen werden wir wieder trainieren für die Arbeit, die vor uns liegt.

In Liebe, Freddy

Niederelsungen, 8. August 1945 

Liebe Edna,

heute bekam ich zwei Pakete von zu Hause, in einem waren Käse-Sticks, Pepperoni, eine Menge Kaugummi, eine Dose Ravioli und Mengen an Gebäck. Die Jungens sind ganz verrückt nach dem Gebäck. Das andere Paket mache ich morgen auf.

Viele von uns waren sehr froh über die Nachricht, dass die Verfechter der Allgemeinen Wehrpflicht die Hoffnung auf verpflichtende Wehrübungen aufgegeben haben. Junge, wie freue ich mich zu sehen, dass der Kongress aufwacht und merkt, dass der militärische Trend unserer Führer uns zu einer faschistischen Regierungsform bringen würde. Ich habe zu viele verkommene Dinge in unserer Armee geschehen sehn, um je noch zu wünschen, mein Sohn sollte ihr einmal angehören. Die Armee ist keine demokratischen Institution. Sie lehrt uns Klassenunterschiede. Wir dürfen nicht in dieselben Bars, Tanz- oder Nachtklubs mit Offizieren. Wir können nicht in denselben Häusern wohnen, sie essen getrennt von uns und einfache Soldaten müssen sie bedienen. Dies e undemokratische Art zu leben setzt sich fort bis in die Reihen der einfach en Soldaten. So gibt es besondere Clubs und Essräume für Unteroffiziere. Eine informelle Umfrage in unserem Schlafraum heute Nacht ergab, dass die meisten der Jungens zu Hause noch nicht geflucht oder getrunken hatten. Nun geben sie zu, dass sie die ganze Zeit fluchen und betrunken werden, wenn sie an genügend Alkohol kommen können.

Langsam aber sicher wechselte das Armee-Leben in das zivile Leben. Wenn sich der Trend fortsetzen sollte, wie er in den letzten fünf Jahren war, würdest Du unser Land nicht mehr wieder erkennen. Die Armee wurde dafür gemacht zu kämpfen und nicht um Politik zu spielen. Sie hat Politik gespielt. Um es klar zu sagen, die Armee weiß nicht mit ihren Leuten umzugehen. Sie weiß nicht mit der Öffentlichkeit umzugehen. Sie haben gelogen und immer wieder gelogen über praktisch Alles.

Die Behandlung Amerikanischer Soldaten im Gefängnis ist nicht weit von grausam. Wie wir es sehen, man braucht keine zehn Millionen Armee. Drei oder vier Millionen würden reichen, höchstens sechs Millionen. Sie entlassen die Leute nicht schnell genug. Es sieht so aus, als ob sie sich darum überhaupt nicht kümmern. Sie wollen eine große Armee behalten, damit alle Offiziere ihre Ränge und Kommandos behalten können. Du musst gegen die Wehrpflicht stimmen. Es ist gut eine große stehende Armee zu haben, mittels Nationalgarde oder C.M.T.C. Wir können eine große Armee auch ohne Wehrpflicht haben. Morgen will ich versuchen, das verkommene System zu beschreiben, Medaillen in der Armee zu verteilen. Es ist so verkommen, dass Medaillen nur Gelächter hervorrufen, wenn wir sehen, dass jemand eine trägt. Soweit für heute,

In Liebe, Freddy

Niederelsungen, 11.August 1945 

Liebe Dot,

jeder hier freut sich darüber, dass Japan sich ergeben hat. Wir haben eine erstklassige wilde Feier geschmissen, letzte Nacht. Zur Strafe müssen wir jetzt eine Woche lang um 10.30 Uhr ins Bett, ohne Licht und Radio. Wenn die offizielle Nachricht kommt, werden wir eine so wilde Partie Feiern, dass die Toten aufwachen. Wir zweifeln nicht daran, dass man uns zu zwanzig Dollar verurteilen wird. Das wird es uns wert sein. Nun muss ich meinen Streifen doch tragen. Bis Montag muss ich ihn an meine Uniform genäht haben. Ich hasse es, diesen einen Streifen annähen zu müssen, wo andere drei annähen, ohne auch nur 1/25 der Gefahren durchgemacht zu haben wie ich.

Heute bekam ich wieder ein Paket. Es enthielt Kekse, Tuna, Datteln, Ravioli, Kartoffel-Sticks. Kein Peperoni. Alle Jungens schrieen. Peperoni ist das beliebteste Essen hier. (Heute keine Post.)

Nun zum Thema Musik. Ich habe es Euch ja gesagt. Schon in meinen Briefe vom Juli 1944 sagte ich: „My dreamers are Getting Better all the time“. Wenn Du meine Briefe von April 1945 liest, wirst Du Dich erinnern, dass ich sagte „Robin Hood and Angelina“. Das seien Lieder, die zu „Hits“ werden würden. Wenn Du Dich an vor zwei Monaten erinnerst, als ich empfahl: „This Heart of Mine“. Ich sagte: „It again“, von Vaughan Monroe. Kennst Du Lieder die diese schlagen könnten. Nun Schluss.

In Liebe, Freddy

Niederelsungen, 14. August 1945 

Lieber Papa,

wir warten immer noch darauf, dass die Japaner den Krieg beenden. Es ist wahrlich ein Durchhaltekrieg. Unsere Ohren kleben am Radio. Es ist nervtötender als der Krieg selbst. Letzte Nacht war ich ganz glücklich, als ich am Radio hörte, die Punkte-Scala würde von 85 auf 50 Punkte heruntergesetzt. Ich habe genau 50. Dies ist aber nur ein Gerücht. Es gibt immer noch 700.000 Männer mit 85 Punkten, die noch auf die Rückkehr in die Heimat warten. Alles, was wir tun können, ist sitzen und warten. Morgen ist ein Feiertag. Es ist der dritte Geburtstag der Division. Morgens haben wir frei und nachmittags ein Picknick mit Wettkämpfen.

Heute hatten wir eine Parade. Es war ein Ulk. Sie haben Bronzemedaillen an das Battalion verliehen. Die Jungens haben laut gelacht , als sie sahen wer diese bekam. Es sind ungefähr 3 Offiziere auf 100 Mann in einer Kompanie; aber als die Medaillen ausgegeben wurden, gingen 3 von 4 an Offiziere. Die Jungens waren sehr aufgebracht. Es war das verrottetste Stück Politik was wir je gesehen hatten. Unserer Ansicht nach waren die, die die Medaillen bekamen, alles Feiglinge. Die meisten von ihnen kamen niemals nahe an die Front. Sie haben einander gegenseitig für die Auszeichnung vorgeschlagen. Ich habe in der Frontlinie gekämpft und keinen von ihnen jemals gesehen. In 140 Tagen Schlacht habe ich diese Medaillenträger nur einmal an der Front gesehen, - und da waren die Deutschen schon auf dem Rückzug.

Das Lachen und die Kommentare der Jungens während d er Feier war so laut, dass der Kommandant heute Abend die Feldwebel zusammenrief und sie zusammenstauchte, weil sie den Soldaten erlaubt hatten, während der Verleihung der Medaillen zu reden. Es kommt ihnen nicht in den Sinn, dass die Jungens vielleicht reden, weil die Sache so verdorben ist, dass sie einfach reden müssen. Ich hätte die Chance auf ein Medaille gehabt; aber ich habe selbst abgelehnt. Und jetzt, wo ich sehe wer sie bekommen hat, bin ich froh, nicht zu der Gruppe zu gehören. Soviel für heute,

In Liebe, Freddy

Niederelsungen, 21. September 1945 

Liebe Leute,

haltet Euch fest! Ich habe Neuigkeiten. Letzte Nach t gab uns das Radio in weniger als 5 Minuten mehr Nachrichten, als wir bisher insgesamt gehabt haben. Für die Entlassung im November wird die Punkte-Scala auf 60 Punkte gesenkt. Das Punkte- System wird im Winter ganz aufgegeben und Männer mi t zwei Jahren 22 Dienstzeiten werden entlassen. Wie auch immer, ich kann nicht verlieren. Ich werde diesen Winter draußen sein. Ich habe 58 Punkt e und habe 3 Jahre im Dezember.

Die Armee hat gesagt, „Männer mit 56 Punkten werden aus der 1. Division (Besatzung) gänzlich herausgenommen und in andere Divisionen versetzt, die nicht Besatzung sind. Also, ich komme bald von hier weg i n eine andere Division. Die Armee hat angekündigt, dass die 78. Division im OKTOBER nach BERLIN geht. Das ist ein Ort, wo ich keinesfalls hin will. Auch unser Generalmajor will da nicht hin. Da gibt es Russische, Englische, Französische und Amerikanische Soldaten. Die besten Divisionen der Welt kommen da zusammen und v ersuchen sich gegenseitig auszustechen. Sie tragen weiße Schuhe und weiße Handschuhe. All die Parade- Ausstattung. Sie wollen uns 4 Uniform-Sets geben. Alles was wir zu tun haben ist herumstehen und den jeden Tag die Ausrüstung wasche n, Paraden, Marschieren und stramm stehen in Schnee bei Temperaturen unter Null Grad. Lieber will ich einen neuen Krieg fechten als das mitmachen.

Als ich Euch über das Geld schrieb, da wollte ich nicht, dass Ihr es Allen erzählen solltet. Ich meinte nur, Ihr solltet es in verschiedene Umschläge verteilen. Ich weiß, dass Ihr es nicht dürft. Ich wollte das Amerikanische Geld für den Fall, dass ich in verschieden Länder kommen würde. Ich hätte es mit dort stationierten Soldaten in die dort gültige Währung tauschen wollen. Und falls ich in die Staaten zurück kann, hätte ich Geld bei mir, statt großer Mengen ausländischer Währungen, die erst gewechselt werden müssten. Also schickt mir Geld. Ich kann es brauchen.

In Liebe, Freddy

Quelle: HNA

Kommentare