Sozialforscher sprach über die Hilfe für Arme in Deutschland

+
Aufmerksamer Zuhörer: Über 90 Besucher verfolgten den Vortrag Professor Stefan Selke in der Marienkirche in Homberg. Der Soziologe sprach über die Tafeln, über die er seit sechs Jahren forscht.

Homberg. Sind die Tafeln Hilfe für die Armen oder Ersatz für die Sozialpolitik? Dieser Frage ging der Sozialforscher Professor Dr. Stefan Selke in einem Vortrag über die Tafelarbeit auf den Grund.

Das Evangelische Forum Schwalm-Eder hatte mit dem Diakonischen Werk zu einem Diskussionsabend in die Marienkirche in Homberg eingeladen. 90 Besucher waren der Einladung gefolgt. „Warum haben wir 1100 Tafeln und zusätzlich eine unbekannte Anzahl ähnlicher Einrichtungen in Deutschland?“, fragt der Soziologe, der an der der Universität Furtwangen seit 2006 über Tafeln forscht und die Forschungsgruppe „Tafeln“ gegründet hat.

„Ich verstehe Tafelkritik als Gesellschaftskritik“, sagte Selke. Am Beispiel der Tafelarbeit könne man die Ideologie der Gesellschaft aufzeigen, in der die Tafelarbeit eindeutig positiv bewertet werde – und das sei falsch. Die Tafelarbeit sei eine bürgerliche Bewegung, die kein Ziel verfolge, sie bekämpfe nicht die Armut. Seit der ersten Tafelgründung im Jahr 1993 habe deren Zahl stetig zugenommen. Doch befänden sich die Tafeln nicht dort, wo sie am meisten gebraucht werden. So gebe es in Deutschlands reichstem Landkreis München die meisten Tafeln. „Die Tafeln können in der Sache auf keinen Erfolg verweisen, im Gegensatz zum eigenen Wachstum“, sagte Selke. Tafeln veränderten nicht die Wegwerfgesellschaft und die Produktion von Überschüssen bei Lebensmitteln.

„Kein Mensch möchte zur Tafel gehen“, sagte Selke. Die Tafeln als sozialen Treffpunkt zu bezeichnen, verschleiere den Skandal der Armut und Abstempelung der Menschen durch das Hartz-IV-System. Die ursprüngliche Funktion der Tafeln, überschüssige Lebensmittel an Bedürftige zu verschenken, habe sich gewandelt. Inzwischen seien die Tafeln eine Marke, die sich nach den Gesetzen des Marktes richte. Wenn die Tafeln versuchten, das Fehlende zu ersetzen, fehlten die Grenzen. So gebe es koschere Tafeln, Brillen-Tafeln, Kinder-Tafeln, Tafeln für Hausrat und für Tierbedarf. Engagierte Helfer erbrächten viel Leistung, aber es würden nur Symptome bekämpft, nicht die Ursachen.

Um die Situation zu verbessern, sollten sich die Tafeln beschränken auf die Verteilung der Überschüsse. Wichtig sei die Beteiligung der Bedürftigen bei der Tafelarbeit, damit die Tafel nicht eine Theke werde, die gesellschaftliche Schichten voneinander trennt. Die Politik müsse Lösungen finden, damit Menschen nicht in Systeme wie Hartz IV gerieten.

Das sagt das Diakonische Werk über die Tafelarbeit:

„Wir sind uns sehr wohl der Unzulänglichkeiten und Spannungen bewusst, die die Tafelarbeit mit sich bringt“, sagte Matthias Pohl, Mitarbeiter des Diakonischen Werkes für Sozial- und Lebensberatung. Die Tafelarbeit bewege sich zwischen sozialer Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, meinte auch Geschäftsführerin Pfarrerin Margret Artzt: „Aber Tafelarbeit hat nach wie vor Sinn“.

Das Diakonische Werk möchte offen sein für Kritik und Veränderung, auch für Grenzen. „Die Kontroverse darüber ist wichtig und fruchtbar“, sagte Pfarrer Dierk Glitzenhirn, Projektleiter des Evangelischen Forums Schwalm-Eder. Im Schwalm-Eder-Kreis ergeben die Lebensmittelspenden im Durchschnitt einen kostenlosen Einkauf zweimal im Monat für eine Familie. Der Grund, warum immer mehr Menschen zur Tafel gingen, sieht er im Strukturwandel im Landkreis. Das Diakonische Werk stellt sich der Kritik, dass die Tafelar

beit den politischen Druck nimmt, Lösungen finden zu müssen oder sich in der Rolle des Wohltäters zu gefallen und dadurch die Tafelkunden zu funktionalisieren. Durch die Tafelarbeit erführen die Menschen Hilfe und würden nicht vertröstet. Ohne die Tafelarbeit hätte das Diakonische Werk nicht in gleichem Maß den Zugang zu den Menschen mit geringem Einkommen bekommen. Geplant seien weitere Projekte wie „Teilhabe ermöglichen“, die Betroffene einbeziehen und Beteiligung möglich machen sollen. Das Diakonische Werk fordert zur Diskussion im Internet auf: www.projekt-teilhabe-ermoeglichen.de auf. (yma)

Quelle: HNA

Kommentare