Neue Serie: Zum Auftakt eine Geschichte übers Lumpensammeln und eine alte Schüssel

Wie ein Spiegel des Lebens

Leistete 40 Jahre gute Dienste: Maria Simm zeigt ihre alte Rührschüssel, die sie 1957 für abgegebene Lumpen bekam. Foto: Quehl

Großropperhausen. Maria Simm weiß es noch, als ob es gestern war. Einmal im Jahr fuhr die Lumpensammlerin aus Maden mit ihrem kleinen Lieferwagen durch Großropperhausen. Mit der Schelle läutete die Frau, bis in der letzten Gasse bekannt war: Heute werden auf dem Hof Ziegler Lumpen angenommen.

Jedes Gewebe kam in Frage, erzählt Maria Simm, geborene Hommel. 1927 kam sie in Großropperhausen zur Welt, 1950 heiratete sie ihren Herbert, einen Sudetendeutschen. 1957 kaufte man ein Häuschen im Ort. Die Schwiegereltern zogen mit ein.

Und der kleine Lastwagen kam wieder mal ins Dorf, die Lumpensammlerin läutete die Schelle für Gardinen, Decken und Kleidung, die sich wirklich nicht mehr flicken oder verwenden ließ. Weggeworfen wurde so wenig wie irgend möglich. Und selbst das war nicht wertlos. Aber die Frau aus Maden bot keine Pfennige, sondern – nach Gewicht der abgegebenen Lumpen – Geschirr, Schüsseln und Töpfe. In jenem Jahr des Hausbaus 1957 erhielt die junge Hausfrau Maria Simm eine irdene weiße Schüssel für das, was sie brachte. Eine Schüssel, die man sich nicht so mir nichts, dir nichts im Laden kaufen konnte und die ihr Leben begleiten sollte.

Jeden Samstag rührte sie, wie es in jedem Haus üblich war, den Teig für den Kuchen, Pflaumenkuchen, Apfelkuchen, Mattekuchen. „Schmeckedönschen unter der Woche gab es nicht, aber Kuchen wurde in jenen Jahren viel gegessen.“ Im Alltag gab es vor allem eins: Suppe. Verwertet wurde alles, ganz wesentlich war, was im Garten wuchs. Zuerst wurde hinzugepachtet, heute ist das Gartenland der gehbehinderten Frau längst eingesät, „ich kann es ja nicht mehr“.

Die Zeiten waren für die Simms nicht leicht. Bei einem Arbeitsunfall im Steinbruch Großropperhausen verlor der Vater und Ehemann ein Bein. „Sein Chef gab ihm daraufhin eine Stelle im Wiegehäuschen“, erzählt die 83-Jährige.

Die Madenerin kam noch einige Jahre nach Großropperhausen. Heute ist wenig übrig vom alten Leben der Maria Simm. Die irdene Schüssel der Lumpensammlerin ist noch da. Die Schüssel leistete ihr 40 Jahre gute Dienste. Inzwischen hat sie leider einen Sprung. Trotzdem hält die alte Frau sie in Ehren. Gerne würde sie sie einem Museum weitergeben.

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Von Anne Quehl

Quelle: HNA

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