Mit der Sprache der Pferde

Vertrauen einander: Natascha Kuhr und ihr Pflegepferd Famiro. Foto: Rehermann

Falkenberg. Mit ruhigen Schritten geht Famiro neben Natascha Kuhr. Das Seil des Knotenhalfters hat die 18-Jährige locker in der Hand.

Es ist mehr Absicherung als tatsächliche Führung: Bleibt sie stehen, hält auch Famiro an, geht sie weiter, folgt er ihr. Selbst das bedrohliche Knistern einer blauen Plastikplane bringt den achtjährigen Wallach nicht aus der Ruhe: Ohne zu Zögern überquert er die Plane, die vielen Pferden Angst macht.

„Famiro hat Natascha als sein Leittier anerkannt“, erklärt die Sozialpädagogin und Reittherapeutin Inez Bewernick. „Deshalb vertraut er ihr und folgt ihr auch, wenn er eigentlich die Flucht ergreifen würde.“

Horsemanship heißt der partnerschaftliche Umgang mit dem Pferd. Anders als beim klassischen Reiten arbeite man im Horsemanship mit Körpersprache und Verhaltensweisen, die man sich bei einer Pferdeherde abschaue, so Bewernick.

Seit zwei Jahren bietet die 43-Jährige diese Art der Pferdearbeit auf ihrer Ranch „Anorak21“ als tiergestützte Arbeitstherapie für Jugendliche an, die mit verschiedenen Problemen zu kämpfen haben. Die Kosten übernimmt das Jugendamt. „Pferde brauchen klare Kommunikation, und man muss sich ihnen gegenüber durchsetzen können“, sagt Bewernick. „Deshalb eignet sich Horsemanship gut, um Selbstvertrauen aufzubauen.“

„Mit Famiro habe ich gelernt, konsequent zu bleiben.“

Natascha Kuhr ist seit einem halben Jahr mit dabei. Sie lebt mit ihrer Schwester in einer Pflegefamilie in Heinebach und stand nach dem Schulabschluss in einer Sackgasse. Eine Erzieherin, die der Familie half, arbeitete damals ehrenamtlich auf der Ranch. Eines Tages nahm sie Kuhr mit auf eine Reitfreizeit - danach war ihr klar, dass sie wiederkommen wollte.

Famiro hat sie sich bewusst als Pflegepferd ausgesucht. „Das ist ein Pferd, vor dem manche Angst haben, weil man ihm mit Nachdruck sagen muss, wo es langgeht. Ich habe mich aber gleich mit ihm verbunden gefühlt.“ Außer am Wochenende kommt sie jeden Tag zur Ranch, mistet den Stall aus und festigt ihre Beziehung zu Famiro bei langen Spaziergängen.

„Früher hatte ich Probleme damit, nein zu sagen“, sagt Kuhr. „Mit Famiro habe ich gelernt, konsequent zu bleiben.“

Dass die 18-Jährige sich gegenüber dem Wallach ständig neu behaupten muss, wird während des Gesprächs klar: Ständig ruckt das Pferd mit dem Kopf, knabbert an ihrer Jacke. „Famiro!“, ermahnt sie ihn scharf und zieht am Halfter, bis er wieder still steht. Sie tätschelt seinen Hals und lächelt.

„Horsemanship braucht viel Zeit, aber erlernen kann es jeder“, sagt Bewernick. Gerne würde sie noch intensiver Zeit mit den drei Jugendlichen im Ranchprojekt und ihren acht Pferden verbringen. Manchmal, sagt sie, brauche es fast eine 1:1-Betreuung. Die Zeit wendet Bewernick gerne auf, insbesondere wenn die Pferdearbeit den Jugendlichen so viel gibt wie Natascha Kuhr. Sie hat nicht nur gelernt, sich durchzusetzen, sondern auch herausgefunden, wie es weitergehen soll. Im September startet sie eine Ausbildung als Floristin.

Quelle: HNA

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