Stadtführer Helmut Rahm entdeckt immer Neues

Vom Fachwerk fasziniert

Sein Lieblings-Fachwerkhaus: Am Haus, in dem sich einst die Gaststätte Goldene Löwe befand, kann man viel entdecken, findet Fachwerk-Spezialist Helmut Rahm.

Spangenberg. Wenn Helmut Rahm über Fachwerk spricht, könnte man ihm stundenlang zuhören. Er öffnet einem die Augen für das, was man schon tausendmal, unbewusst, gesehen hat.

„Allein über das Löwe-Haus kann ich eine Stunde lang erzählen“, sagt Rahm, 60, aus Spangenberg. Eine Stunde? Weit untertrieben. Taubänder auf Saumschwellen, mit Spiralen verzierte Lebensbäume, Balken mit Eierstäben – wer Helmut Rahm zuhört, lernt viel über die Stadtgeschichte. Und der spürt, dass stimmt, was Helmut Rahm sagt: „Fachwerk fasziniert mich einfach.“

„Ich bin nicht stolz auf das Diplom, aber auf das, was ich gelernt habe.“

Fachwerktechnisch liegt Spangenberg an der Schnittstelle zwischen fränkischem und niederdeutschem Fachwerk. Etwa 200 Fachwerkhäuser gibt es in der Stadt, die meisten sind nach dem Dreißigjährigen Krieg entstanden: „Im Krieg brannten 84 Häuser in Spangenberg nieder.“ Der Wiederaufbau dauerte 30 bis 40 Jahre; zum Teil gab es Holzknappheit, sodass sogar krumme Balken verbaut werden mussten. Ein Beispiel ist an der Grundschwelle des Pfarrhauses in der Obergasse zu sehen. „Aber das Haus steht noch heute.“

Geschmack des Bauherrn

Warum hat ein Haus blaues, das andere rotes Fachwerk? „Das hing vom Geschmack des Bauherrn ab.“ Der bestimmte auch, welche Verzierungen und damit welche Symboliken sein Haus schmücken sollten. Viele Spangenberger Häuser werden von Abwehrsymbolen wie Schuppungen an Eckständern – einem feuerspuckenden Drachen gleich – oder Feuerböcken – also geschwungene Andreaskreuze, die die göttliche Kraft des Feuers symbolisieren sollen – geziert. Feuer war damals eben eine der größten Gefahren.

Auch der Wunsch nach Fruchtbarkeit für Mensch und Tier zeigt sich in den Balken: etwa bei den Eierstäben oder Andreaskreuzen. An einem Haus wie dem des früheren Goldenen Löwen am Marktplatz haben die Zimmerer zwei bis drei Jahre gebaut, sagt Rahm. 1682 wurde es fertiggestellt, und es ist Rahms Lieblingsfachwerkhaus.

Seine Liebe zum Fachwerk wurde durch eine Stadtführer-Kollegin geweckt. Mittlerweile trägt er bei Stadtführungen ein kleines schwarzes Täschchen mit sich. Darin: Kordel, Bänder, selbst gezimmerte Holzverbindungen, gezapft und mit verblattetem Riegel, ein Zwölf-Knoten-Band. Damit erklärt er seinen Zuhörern die Zimmermannstechnik von anno dazumal.

Ob er damals, im 16. Jahrhundert, selbst gerne Zimmermann geworden wäre? „Warum nicht“, sagt er bescheiden, „das hätte mir sicherlich gelegen.“ Stattdessen ist er Verwaltungsbeamter geworden – mit einer Leidenschaft, die er gerne mit anderen teilen möchte: der Faszination Fachwerk. Seit dem Diplom geht Rahm mit anderen Augen durch Fachwerkstätte und entdeckt immer Neues. Auch in seiner Heimatstadt. Die Netzverzierungen, die Dämonenschlingen, und den Sechsstern mit sechs Zacken, die Rahm erst kürzlich an Häusern in der Neustadt entdeckt hat – darüber freut sich der Stadtführer mit Fachwerk-Diplom. Und man könnte ihm noch stundenlang zuhören.

• Fachwerk-Stadtführungen Spangenberg: Touristinformation, Tel. 05663/509040

Von Claudia Feser

Quelle: HNA

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