Ein Zeichen der Sühne

Steinkreuz bei Dorla erinnert an Mord von 1454 - und brachte Frieden

Steinkreuz bei Dorla erinnert an Mord an Adligen im Jahr 1454 und brachte Frieden

Dorla. Es müssen schreckliche Jahre gewesen sein für die einfachen Menschen im Chattengau und darüber hinaus: 14 Jahre lang wütete zwischen 1440 und 1454 ein Krieg zwischen den Adligen der Region, die sogenannte Bundesherren-Fehde.

Johann von Meisenburg, Heinrich von Grifte, Heinrich Schenk zu Schweinsberg und andere führten eine Art Privatkrieg gegeneinander – es ging um Erbstreitigkeiten, Nutzungsrechte, Beleidigungen und ähnliches unter Verwandten des Landgrafen Ludwig I.

„Ein Horror fürs Volk“ nennt der Hobby-Historiker Franz Lämmer vom Dorlaer Heimat- und Geschichtsverein jene Zeiten, in denen ungezählte Dörfer verwüstet, die Ernte auf den Feldern vernichtet und Knechte getötet wurden. Es herrschten Not und Hunger, die Kinder starben.

Dass sich Lämmer nach über 550 Jahren immer noch für die damaligen Streitigkeiten interessiert, liegt an einem unscheinbaren Kreuz aus Sandstein, das seitdem am Rande von Dorla steht. Erst kürzlich informierte er beim traditionellen Brunnenfest über die neuesten Erkenntnisse darüber.

Überraschender Angriff

Demnach war ein überraschender Angriff auf einen Trupp Adliger, die Züschen überfallen wollten, die Ursache für den Tod von zwei der Herren in der Nähe von Dorla. „Das galt damals nach germanischem Recht als Mord“, weiß Frank Lämmer. Und deshalb sei ein Sühneverfahren notwendig gewesen, um weitere Blutfehden möglichst zu verhindern.

Es kam zu einem Friedensspruch des Landgrafen Ludwig und des Grafen zu Waldeck und einem Sühnevertrag, der laut Archivmaterial am 3. Dezember 1454 zu Homberg geschlossen wurde. Sichtbares Zeichen bis heute ist das Kreuz bei Dorla. Neben materiellen Auflagen musste damals ein solches Steinkreuz ohne Inschrift errichtet werden. Bedingung: Es sollte an einer belebten Straße stehen und damit für jedermann sichtbar sein.

„Die Frankfurter Straße führte damals als eine der wichtigen überregionalen Handelsstraßen durch Dorla“, berichtet Franz Lämmer. Die Stelle wurde auch aus diesem Grund als Standort ausgewählt. Erst 100 Jahre später, um 1550 herum, beschrieb ein Gudensberger Pfarrer in seiner gereimten Chronik die Vorgänge um die Blutherren-Fehde. „Vor 100 Jahren wusste keiner mehr, wozu das Steinkreuz überhaupt aufgestellt worden war“, ist sich Lämmer sicher.

Und nach dem Bau der Autobahn 49 und der neuen B 3 direkt an Dorla vorbei, endete die alte Straße im Nichts, Büsche und Gestrüpp überwucherten das alte Kreuz, das nicht mehr erkennbar gewesen sei. Dank des Gudensberger Bauhofs wurde es auf Betreiben des Geschichtsvereins 2011 freigeschnitten und ist heute wieder sichtbar als Friedenssymbol.

Neben dem Kreuz stehen eine Bank sowie eine Informations-Tafel, die über die Historie aufklärt. Stimmen, die das Kreuz eher als Grenzstein bezeichnen, weisen die Dorlaer jedenfalls zurück. „Das Sühnekreuz ist ein historisches Denkmal und hat immer an dieser Stelle gestanden“, ist sich Lämmer sicher.

Von Ulrike Lange-Michael

Quelle: HNA

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