Stolpern mit dem Herzen: 24 gravierte Steine erinnern an Naumburger Juden

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Erinnerung an Familie Plaut: Die ehemaligen Naumburger Bürger jüdischen Glaubens fielen dem Holocaust zum Opfer.

Naumburg. Gut 70 Jahre nachdem er in Auschwitz starb, wird ihm an dem Ort gedacht, an dem er bis zu seinem unfreiwilligen Auszug im Jahr 1938 gelebt hat. „Hier wohnte Elias Plaut“, steht auf einem kleinen, messingfarbenen Pflasterstein. „Jahrgang 1879, deportiert 1941, ermordet 2.11.1943.“

Hier, das ist die Untere Straße 11 in Naumburg, eine von sieben Stationen, an denen seit Montag insgesamt 24 gravierte Steine an einstige Naumburger Bürger jüdischen Glaubens erinnern. Busse und Autos rauschen durch die belebte Straße, in der sich zahlreiche Passanten um ein Loch im Gehweg versammelt haben. Vor ihm hockt der Künstler Gunter Demnig. Fein säuberlich versenkt er seine Stolpersteine im Gehweg, stolpern soll schließlich niemand wirklich - „nur mit dem Kopf und dem Herzen“. Den Stein von Elias Plaut platziert er als erstes, gefolgt von vier weiteren für dessen Familienmitglieder Dora, Siegbert, Anni und Walter. „Es sind Steine gegen das Vergessen“, sagt er und erinnert sich nicht ohne Stolz zurück an die Anfänge des Kunstprojekts: „Erfunden habe ich die Stolpersteine 1993 in Köln, allerdings hat mir die Stadtverwaltung damals derart viele Probleme bereitet, dass das Projekt wieder einschlief.“ Antrieb habe es erst 1996 erhalten, nach der illegalen Verlegung von 41 Steinen in Berlin-Kreuzberg. Heute sind Demnig und seine Steine überall bekannt, rund 42 000 hat er mittlerweile in 17 europäischen Ländern verlegt, Naumburg ist die 933. Kommune in Deutschland.

Schweigend legt er seine Erinnerungsspuren, überlässt das Reden denen, die sich mit viel Engagement in den vergangenen zwei Jahren für die Verlegung der Stolpersteine eingesetzt haben. Karin Albrecht ist eine von ihnen, sie hat gemeinsam mit Christa Meuser auch die Hauptlast der Recherchearbeiten getragen und auf Grundlage des Buches „... da war ich zuhause“ von Dr. Volker Knöppel die Biografien der zu Erinnernden zusammengefasst. Auszüge trägt Albrecht vor, zahlreiche Passanten lauschen andächtig, geben viel positives Feedback. Auch Anette Jacobi, die heute dort lebt, wo einst die Familie Plaut zuhause war: „Ich freue mich über die Stolpersteine vor meiner Haustüre, denn die Menschen sollen nicht vergessen werden.“

Für den Künstler sind die Steine aber noch viel mehr als die bloße Erinnerung an diejenigen, die in der Zeit des Nationalsozialismus dem Holocaust zum Opfer fielen: „Wer die Inschriften lesen will, muss sich herunterbeugen und verbeugt sich somit vor dem jeweiligen Opfer.“

In Naumburg nicht nur vor Elias Plaut samt Familienangehörigen in der Unteren Straße 11, sondern auch vor weiteren Opfern des Holocaust, die einst in Häusern in der Unteren Straße 23, der Dielenhennstraße 2, Am Roten Rain, in der Graf-Volkwin-Straße 9 sowie am Altenhagen 1 und 7 gelebt haben.

Von Sascha Hoffmann

Quelle: HNA

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