G 8: Eltern und Schüler kritisieren hohe Belastung - Auswirkungen auf Vereine

Stress mit dem Turbo-Abi

Der Weg zu den Abiturprüfungen führt in Wolfhagen über zwölf Schuljahre. Eltern und Schüler kritisieren die hohe Belastung, welche die verkürzte Schulzeit mit sich bringt. Foto: dpa

Wolfhagen. Kopfschmerzen, Schwindel, Abgeschlagenheit: G 8 hinterlässt Spuren. Eine 14-jährige Filchner-Schülerin machte der Schulstress krank. Manchmal sitzt sie an ihrem Schreibtisch und weint. „Ich kann dann einfach nicht mehr“, so die Schülerin.

Für Rita Schmidt-Schales, Schulleiterin der Wilhelm-Filchner-Schule, hingegen hat sich die verkürzte Schulzeit bis zum Abitur bewährt: „Die G 8-Schüler halten sehr gut mit und haben wenig Probleme“ (die HNA berichtete). Doch Schmidt-Schales’ Aussage wird nicht von allen Eltern und Schülern geteilt. Sie kritisieren die hohe Belastung und ihre Folgen.

Keine freien Wochenenden

„G 8 beeinflusst unser Familienleben massiv. Das Wochenende ist für meine Tochter kein Wochenende mehr, denn da wird gelernt. Wenn wir mit der Familie etwas unternehmen, bleibt sie zuhause“, sagt eine Mutter aus einem Naumburger Stadtteil.

Um mitzuhalten, pauke die 14-jährige Tochter bisweilen bis 22 Uhr Vokabeln. „Ich muss viel für die Schule machen“, sagt die 14-Jährige. Natürlich gebe es Schüler, die gut durch G 8 kämen, ist sich die Mutter sicher. Doch das seien wenige.

Die Familie versucht den Druck abzufedern. „Da sitzt die ganze Familie zusammen und hilft. Papa beim Kunstprojekt, ich bei der Präsentation“, erklärt die Mutter und ergänzt: „Uns tut meine Tochter einfach nur Leid.“ Nicht zuletzt, da auch die Hobbys unter den schulischen Verpflichtungen leiden.

Eine Entwicklung, die Monika Jakob, Vorsitzende des VfL Wolfhagen, bestätigt. „Bei den Jüngeren merkt man es. Wenn sie den ganzen Tag Schule hatten, sind sie erschöpft und weniger aufnahmefähig“, so Jakob über die Nachwuchs-Leichtathleten. Ablesbar sei dies auch an den Wettkampf-Resultaten. „Die Leistung ist nicht immer so, wie sie sein sollte.“

Die Musikschule stellt G 8 vor andere Probleme: „Es bleibt an den Nachmittagen weniger Zeit, den Unterricht unterzubringen“, sagt Schulleiter Malte Klages.

Auch hätten sich schon Schüler aufgrund der hohen Belastungen vom Musikunterricht abmelden müssen. Mit Zahlen belegen kann Klages dies allerdings nicht. Die Eltern würden den Anlass auch nicht bei der Abmeldung nennen. „Aber im Gespräch erfährt man dann die Gründe“, so Klages.

G 8 ist nicht nur an der Wilhelm-Filchner-Schule ein Thema. Auch die Eltern der Wolfhager Grundschüler diskutieren. „Es herrscht eine große Unsicherheit“, gibt Heidi Herbach, Schulelternbeirätin an der Grundschule, die Stimmungslage wieder. Viele Eltern hätten Angst, dass der Leistungsdruck für ihre Kinder zu groß ist.

Keine Alternative

Ein weiterer Kritikpunkt ist die fehlende Schulalternative vor Ort. „Viele Eltern haben nicht die Möglichkeit, ihre Kinder nach Kassel oder Baunatal zu schicken“, so Herbach. Das sei logistisch und finanziell eine große Herausforderung. Auch würden die Kinder dadurch aus dem in der Grundschule aufgebauten Freundeskreis gerissen.

Kommentar: Zeit zum Abschalten

Anke Laumann über das G8-Modell

G 8 stresst: Kopfschmerzen, Schwindel und Angst sind die Folge. Manch Schüler knickt unter dem Druck des Turbo-Abiturs ein. Alles, um ein Schuljahr zu sparen. Zwölf Jahre bis zum Abi statt 13. Das steht in keinem Verhältnis. Die Schule ist wichtig. Das ist unbestritten. Aber Schule ist nicht alles. Lernen findet nicht nur am Schreibtisch statt. Es geht auf dem Weg zum Abitur um mehr als bloßes Faktenwissen. Es geht um soziale Kompetenzen: Wie organisiere ich mich in Gruppen? Wie löse ich Konflikte?

Das lernen die Kinder zwar auch im Klassenverband, aber vor allem in der Welt außerhalb der Schule. Und am besten lernen sie es beim Spielen mit Gleichaltrigen oder in Vereinen. Und genau diese sozialen Kontakte leiden unter der verkürzten Schulzeit. Wenn die Zeit knapp wird und Prüfungen drängen, fallen die Hobbys hinten runter. Das frustriert. Vor allem mindert es die Leistungsfähigkeit. Denn nur, wer abschaltet, ist am nächsten Schultag wieder voll da - und geht gerne zur Schule. Ohne Kopfschmerzen. akl@hna.de

Quelle: HNA

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