Mobiles Staatstheater aus Kassel war zu Besuch in der Ursulinenschule Fritzlar und überraschte die Schüler

Auf der Suche nach dem Sohn

Das mobile Kinder- und Jugend-Theater Kassel: Zu Gast in der 8g2 der Ursulinenschule, von links Lucas Riedle (FSJ), Raphaela Kurz (Theaterpädagogin), Bernd Hölscher (Schauspieler). Foto: Mangold

Fritzlar. Was macht einen guten Vater aus? Einen Einblick in die Rolle eines Vaters im Spannungsfeld der Erwartungen erhielten die Schüler der Ursulinenschule Fritzlar bei einer Theaterdarbietung im Klassenraum. In der Klasse 8g2 war das Staatstheater Kassel zu Gast mit der mobilen Produktion des Ein-Mann-Stücks für Jugendliche „Ich bin ein guter Vater“.

„Das Theatererlebnis ist unmittelbarer“, erklärte Theaterpädagogin Raphaela Kurz vom Staatstheater. Das Theater im Klassenraum habe nicht die Distanz zwischen Schauspieler und Publikum wie ein Stück auf der Bühne. Auch ein Gespräch mit dem Schauspieler nach der Darbietung gehört mit dazu. „Das kennen die Schüler nicht vom Fernsehen oder vom Kino“, meinte Kurz.

Bei den Schülern solle ein Bewusstsein für das Wechselspiel zwischen Zuschauer und Akteur geweckt werden. Mit dem Nachbarn leise plaudern, Handy-Nachrichten schreiben und mit der Chipstüte rascheln stört im Kino nicht weiter, im Theater sei das ganz anders. So sah das auch Lehrerin Birgit Anders: Die Aufmerksamkeit mal nur auf eine Sache zu richten, ohne sich ablenken zu lassen, sei für die Schüler ein wesentliches Erlebnis.

Bei der Theaterdarbietung im Klassenraum sind die Schüler Teile des Stücks: Die Tür zum Klassenzimmer geht auf, Schauspieler Bernd Hölscher in der Rolle des Vaters ist auf der Suche nach seinem Sohn Alex, dem er das vergessene Sportzeug bringen möchte.

Für die Schüler ist die Situation so alltäglich, dass sie zuerst nicht bemerken, dass das Theaterstück bereits im vollen Gange ist. Niemand weiß, wo der Sohn ist. Der Vater vermutet, dass die Mitschüler den Sohn decken, er bietet ihnen Geld an, blufft, schimpft, schreit, buhlt um Mitgefühl, erzählt aus seinem Leben und beschreibt seine Versuche, ein guter Vater zu sein.

Täglich fährt er 138 Kilometer zur Arbeit, bei der er zwar gut verdient, aber im Jahr soviel Kilometer fährt, wie er dreimal für den Weg nach Rio und zurück brauchen würde. Den Sohn sieht er kaum noch, seine Ehe kriselt. Am Ende des Stücks erinnert er sich an seine Kindheit und an das, was sein Vater bei ihm versäumt hat.

Die Schüler der achten Klasse waren fasziniert, wie sehr sie vom Theater im Klassenraum berührt wurden. Viele Fragen an Schauspieler Bernd Hölscher drehten sich darum, wie er es geschafft habe, so echt zu wirken. Und danach sahen die meisten die Vaterrolle mit neuen Augen.

Von Bettina Mangold

Quelle: HNA

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