Die Sünden der Schreiberziehung: Treysaer Stenografentagung

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Stenografentagung in Treysa: Hans Treschwig, ehemaliger Parlamentsstenograf, sprach während der Tagung im Stenografenhaus.

Treysa. Nur jeder vierte jüngere Mensch weiß noch, was Stenografie ist. Dabei lernten allein in Deutschland 100 Millionen Menschen diese Art der Schriftsprache. Heute bedienen sich weniger als drei Prozent dieser Technik.

Hans Treschwig ist einer von ihnen. Der 83-Jährige war Parlamentsstenograf im Bundestag und gilt heute als großer Verfechter der Stenografie. Dabei setzt sich Treschwig auch mit Fragen der wichtigsten Schriftprinzipien auseinander.

Handschriftenprinzipien

Am Wochenende tauschte er sich bei der Treysaer Stenografentagung mit Gleichgesinnten aus. Diskutiert wurde, ob die Handschriftenprinzipien tatsächlich auf der „Müllhalde“ landen. Zudem referierte Treschwig über die Sünden der Schreiberziehung in der Grundschule. Es gleiche einem Skandal, dass das Bundesbildungsministerium 180 Millionen Euro zur Verfügung stelle, um der Analphabetisierung Erwachsener entgegen zu wirken. Man belohne damit die Bundesländer für ihre mangelhafte Bildungspolitik an Grundschulen.

Bunter Mix an Schriften

„Bei den Schriftarten, die in der Grundschule vermittelt werden, gibt es im Bundesgebiet nach wie vor ein buntes Bild“, erläuterte Treschwig. Die lateinische Schreibschrift sei weitestgehend abgeschafft, vielfach vermittelt würde die Druckgrundschrift, die der Blockschrift gleich käme. Als Mängel bezeichnete der Experte, dass Buchstaben dabei nicht verbunden würden und die Schräglage der Schrift nicht der biologischen Vorgabe entspräche.

Das Schreiben nach Gehör in den ersten zwei Schuljahren habe Auswirkungen auf das spätere Schreiben: „Dieses Defizit ist nicht mehr aufzuholen. Wir erziehen unsere Kinder zu funktionalen Analphabeten.“

Schreibfluss blockiert

Der Schreibfluss werde durch die Blockschrift nach jedem Buchstaben blockiert. Würden diese Schüler später Stenografie lernen wollen, „kann mit den stenografischen Zeichen nicht an Teilzügen der Langschrift angeknüpft werden“. Problematisch sei, dass die Kultusminister die Entscheidungskompetenz der Schreiberziehung faktisch aus den Händen gegeben hätten, an die so genannten Grundschulverbände. Der Verband werde jedoch nicht von Pädagogen dominiert, sondern von Lobbyisten, Herstellern und Verlegern von Lernmaterialien. „Der Lobbyverband verfügt praktisch über einen Freibrief zur Entwicklung von Curricula“, ist Treschwig überzeugt.

Und er geht weiter: „Die Schüler will man absichtlich eine Schriftart mit verminderter Leistungsfähigkeit lernen lassen. Damit würden sie zu Konsumenten der Produkte der Elektronikindustrie.“

Ursache des Dilemmas sei ein geringes Wissen über die Schrift, besondere die Stenografie. Dabei sei Schrift das höchste Kulturgut des Menschen. „Schreiben im Sinne von Handschrift ist neben Rechnen und Lesen ein Bestandteil der Persönlichkeitsbildung und eine Basiskompentenz, für die an Grundschulen wieder ein eigenes Schulfach eingerichtet werden müsste.“

Quelle: HNA

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