Die Tafel in Homberg: Geschichten am Packtisch

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Kommt in die Tafel, um zu reden: Abdul flüchtete vor einigen Jahren aus Syrien.

Schwalm-Eder. Eine junge Mutter aus dem Libanon wartet mit ihrer Tochter an der Hand vor der Homberger Tafel. Ein älterer Mann mit Handwagen im Karomuster steht in der Kälte bei ihnen.

Er schaut neugierig durch die Glastür in den dunklen Innenraum der Tafel. Es brennt noch keine der Leuchtstoffröhren mit dem kalten, weißen Licht, das sich sonst auf den beigefarbenen Fliesen des „EinLadens“ spiegelt. Schließlich siegt die Ungeduld. Der Mann betritt den Laden.

„Hey, ich sage hier, wann es losgeht“, ruft Barbara Redlich und schickt den Mann mit den weißen Haaren und dem grauen Anorak in die Kälte zurück.

Die 63-Jährige mit dem Kurzhaarschnitt ist eine, die zupackt. Sie ist freundlich, lächelt, doch wenn es sein muss, wird sie streng. Seit einer halben Stunde ist sie schon in der Homberger Tafel, sortiert und packt Lebkuchen und Nudeln in die blauen Kisten, die die Tafelkunden gleich bekommen werden. Dann knipst sie die Leuchtstoffröhren an – das ist der Startschuss.

Eltern zahlen einen Euro

„Wie viele Personen?“, fragt Redlich die Mutter aus dem Libanon mit freundlicher Stimme. „Zwei Erwachsene und drei Kinder“, antwortet sie wie an einer Kinokasse. Zwei Euro zahlt die Frau, die einen gefälschten Pelzmantel im Tigermuster trägt. Kinder zahlen nichts für die Lebensmittel.

Die Mutter steht mit ihrer Kiste an der Theke der Tafel. Neben ihr ist der Mann im grauen Anorak. Eine Mitarbeiterin füllt die blauen Kisten. „Ich habe noch keine Kartoffeln bekommen“, sagt die Mutter mit Akzent. Dann ist ihre Kiste voll. Sie geht zum Packtisch und versenkt die Lebensmittel in den mitgebrachten Tüten.

Abdul mit der braunen Lederjacke steht grinsend an der Theke der Tafel. Seine weißen Zähne strahlen. Er ist ein lustiger Typ mit freundlichen Augen und scherzt mit den Mitarbeiterinnen.

Redlich kennt viele ihrer Kunden. Auch Abdul, der heute ein Fladenbrot mehr haben möchte. „Kann ich noch eins haben“, fragt er Redlich. „Sie haben doch schon eins“, antwortet sie.

Es ist eine alltägliche Situation in der Tafel – und doch eine besonders schwierige. Wer sagt schon gerne „Nein“ zu einem Wunsch. Doch die Lebensmittel sind begrenzt. Die blonde Frau neben Abdul schenkt ihm ihr Fladenbrot. Abdul revanchiert sich mit einem Stückchen französischem Käse.

 Aber die Tafel ist mehr, sie ist auch eine Börse: Hier werden nicht nur Lebensmittel getauscht, sondern auch Lebensgeschichten.

Am Packtisch verrät Abdul seine Geschichte. Beim Erzählen verliert er sein Grinsen. In Syrien wurde er politisch verfolgt. Er saß in Haft, die Wärter folterten ihn und bohrten ihm mit einem Bohrer in sein rechtes Bein, sagt Abdul und zeigt auf die Stelle. Die Wunde entzündete sich. Zu seinem Glück kam er 2007 zu einer Operation des Beins nach Deutschland und bekam Asyl.

Seitdem ist er hier, in Homberg. Seine Frau und seine Kinder sind in Syrien. „Ich bin einsam, habe keine Freunde,“ sagt er. „Ich komme auch in die Tafel, um mit anderen zu reden“, sagt er und packt das Fladenbrot in die Tüte.

In zwei Wochen wird er wieder herkommen und mit der blauen Kiste an der Theke stehen. Die stehen nun leer auf den beigefarbenen Fliesen – im Dunkeln. Redlich hat die Lichter wieder ausgeknipst.

Von Max Holscher

Quelle: HNA

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