Im Trauercafé finden Menschen Trost und Verständnis für ihre Gefühle

Sie teilen ihre Traurigkeit

Ein Treffpunkt gegen die Einsamkeit: Alle 14 Tage lädt Dr. Doris Deutsch ins Trauercafé ein. Dort haben die Teilnehmer die Gelegenheit, über ihre Gefühle zu sprechen. Foto: Dietzel

Wolfhagen. „Hier kann ich sagen, was mir auf dem Herzen liegt.“ Eine Frau erzählt den anderen in der Runde, warum sie ins Trauercafé kommt. „Alle hier fühlen das Gleiche“, sagt sie. Eine jüngere Frau nickt. Im Alltag sei sie überfordert. Deshalb komme sie hierher. Jeden zweiten Donnerstag. „Das baut mich auf.“

Vier Trauernde sind heute gekommen. In den Tagungsraum der Seniorenwohnanlage am Karlspark in Wolfhagen. Manchmal sind es mehr Teilnehmer, auch Männer. Aus Papier gefaltete Schmetterlinge liegen auf den beiden kastanienbraunen Tischen, Teelichter und wandhohe Fenster erhellen den Raum.

Dr. Doris Deutsch vom Verein Hospizdienst Wolfhager Land leitet das Treffen. Die Frauen haben sich viel zu erzählen. Sie schnuddeln, lachen, weinen.

„Ich hätte nie gedacht, dass mich das so lange belastet“, sagt eine der Teilnehmerinnen, deren Ehemann gestorben ist. Sie schaut ihre Sitznachbarin an. „Man denkt, die Tür geht auf, und er kommt rein.“ Tränen füllen ihre Augen, ein leises Schnaufen, ihre Hand an der Wange. Im Trauercafé findet sie Trost.

„Ich hätte nie gedacht, dass mich das so lange belastet.“

eine der trauernden

Die Frauen sind sich einig: Auch wenn sie im Alltag in Gesellschaft sind, fühlen sie sich einsam. Jede von ihnen hat einen Angehörigen verloren. Für einige ist es noch zu früh, wieder auszugehen, Menschen zu treffen, zu feiern. Trubel, andere Paare, das wollen sie nicht sehen. Sie wollen nicht abgelenkt werden.

Oft fühlen sie sich nicht verstanden. „Viele erzählen, sie werden gemieden“, sagt Doris Deutsch, die häufig mit Trauernden spricht. Das würde die Betroffenen verletzen. Stattdessen wünschen sich Menschen in Trauer, einfach mal in den Arm genommen zu werden. Das würde oft mehr bewirken als Worte. „Ich gehe zu denen, die sich wirklich für meine Situation interessieren“, sagt eine Frau. „Es ist schrecklich, wenn andere einem vorschreiben, wie man sich zu verhalten hat.“

Doris Deutsch: „Trauern braucht Zeit.“ Nicht verarbeitete Trauer könne zu Depressionen führen. Es bringe nichts, Gefühle zu verdrängen und schnell zur Tagesordnung überzugehen. Man solle offen über den Tod reden. Denn der gehört zum Leben dazu.

„Ich denke manchmal, es geht nicht mehr weiter“, sagt eine der Frauen. „Dann habe ich Angst, abzurutschen.“ Im Trauercafé kann sie sich fallen lassen, hier kann sie trauern. Mit anderen, die genauso empfinden.

Doris Deutsch hat ein Gedicht mitgebracht. Die Teilnehmer lesen nacheinander die Zeilen vor: „Lacht über die kleinen Dinge, über die wir immer miteinander gelacht haben.“ Die Stimme wird höher, zerbrechlich, die Augen werden rot.

Eine Frau erzählt von ihrem verstorbenen Mann. „Sprich nicht so viel, der Kaffee wird kalt“, unterbricht ihre Nachbarin sie. Die beiden lachen und weinen zusammen. „Beim Erzählen werden die Verstorbenen wieder lebendig“, sagen sie. Und die Trauernden wieder lebensfroh. Kontakt: Hospizdienst Wolfhager Land, 05692/993521. Trauercafé in jeder ungeraden Kalenderwoche donnerstags, 15 bis 17 Uhr (ohne Anmeldung).

Von Stefanie Dietzel

Quelle: HNA

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