Trakt steht derzeit leer

Erweiterungsbau der JVA: Hier saßen die Schwerstverbrecher ein

Schwalmstadt. Diebe, Mörder, Vergewaltiger, Terroristen, Rauschgifthändler, Kinderschänder. Bereichsleiter Heinz Lemanzick wachte als Bereichsleiter im Erweiterungsbau des Gefängnises Schwalmstadt über sie. Er berichtet aus 25 Jahren Geschichte.

Im Erweiterungsbau des Schwalmstädter Gefängnis haben inzwischen wegen der anstehenden Umbauarbeiten Sicherungsverwahrte und Häftlinge ihre Zellen geräumt und sind übergangsweise nach Weiterstadt und in andere Haftanstalten umgezogen. In das Gefängnis soll noch in diesem Jahr die gemeinsame Sicherungsverwahrung von Hessen und Thüringen entstehen.

Noch zu hören ist das Geräusch der Schlüssel, die sich drehen und deren Türen in Schlösser knallen. Stahltüren, die in ihren Angeln vibrieren, schwere Schritte der Kollegen im Auf und Ab der Flure und Treppen. Zwischendurch krächzt immer wieder das Funkgerät Lemanzicks. Ein Aufkleber am Namenschild der Zelle 137 versprach einem Menschen ohne viele Perspektiven Hoffnung: „Alles wird gut.“

Mann der ersten Stunde: Heinz Lemanzick wachte 26 Jahre im Erweiterungsbau über Mörder, Diebe, Terroristen, Vergewaltiger und Kinderschänder. „Nichts Menschliches ist mir fremd“, sagt der 58-Jährige nach insgesamt 36 Jahren im Vollzugsdienst.

Geblieben ist die beklemmende Atmosphäre, der typische Gefängnisgeruch nach altem Männerschweiß und Staub. Aber nicht nur den Dunst schlecht gelüfteter überheizter Räume atmen die Betonwände des Gefängnis- traktes. Sie erzählen Geschichte und Geschichten, denn geblieben sind auch die Erinnerungen des 58-jährigen Vollzugsbeamten. „Würde man die Haftstrafen zusammenrechnen, die in diesem Gebäude im Laufe der 26 Jahre zusammengekommen sind, dann reicht die Summe zurück bis in die Steinzeit“, scherzt er. Ernst sind allerdings die Geschichten, die ihn nicht loslassen werden, auch wenn er im kommenden Jahr in den Ruhestand geht.

Da sind die RAF-Terroristen. Unter anderem fallen Namen wie Helmut Pohl, Rolf Clemens Wagner und Lutz Taufer, der an der Geiselnahme von Stockholm beteiligt war, und von dem es heißt, dass er im Schwalmstädter Gefängnis von der späteren Terroristin Eva Haule betreut wurde.

Unvergessen für viele der JVA-Beamten ist auch ein Scheich aus dem Jemen. Zwei Jahre nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center in New York wurde Osama Bin Ladens Finanzchef Mohammed Ali Hassan Al Moayad auf dem Frankfurter Flughafen festgenommen. Bis zu seiner Auslieferung in die USA saß der „Terror-Scheich“ in Schwalmstadt ein. „An den weisen Kommandanten Oberst Lemanzick“, richtete er seinen Dankesbrief.

Mobiliar: Ordentlich und übersichtlich müssen die Möbel in einer Zelle sein. Jetzt stehen sie im Flur.

Ebenso wie sich die Terrorwellen der vergangenen Jahrzehnte an den Namenschildern neben den Zellen im Erweiterungsbau ablesen ließen, spiegelt sich auch der Wandel der Drogenwege in den Akten des Gefängnisses wider. Kamen die einsitzenden Rauschgifthändler vor Jahren noch überwiegend aus der Türkei, später aus Asien und Südamerika, so stammen sie inzwischen meist aus den Staaten der Russischen Föderation.

Als Gefängniskünstler wurde der verurteilte Mörder Bernhard Kimmel, der Al Capone von der Pfalz, von Schwalmstadt aus deutschlandweit bekannt. Einer seiner Förderer, der Bischof von Speyer, soll unter anderem mit einer Flasche Wein für Kimmel den Weg nach Ziegenhain gefunden haben.

Und auch die gesetzliche Neuordnung der Sicherungsverwahrung in Deutschland nahm ihren Anfang im Erweiterungsbau in Ziegenhain, darauf weist Lemanzick hin: Es war ein Schwalmstädter Sicherungsverwahrter gewesen, dem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Recht gegeben hatte.

An den langen leeren Gängen reiht sich im kalten Neonlicht Tür an Tür, eine Zelle an die nächste. Knapp zehn Quadratmeter nackter kahler Raum. 130 mal auf vier Etagen. 26 Jahre hat Heinz Lemanzick im Erweiterungsbau über Schwerstverbrecher gewacht. Die Flure reichen nicht aus, für das, was er zu erzählen hätte.

Von Sylke Grede

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Quelle: HNA

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