Großer Übersetzer aus Sachsenhausen: Eine Beziehung zu Stewart O’Nan

+
Leidenschaft für Literatur: Thomas Gunkel aus Sachsenhausen übersetzt die Bücher englischsprachiger Schriftsteller. Kürzlich erschien so „Die Chance“ von Stewart O’Nan. Foto:  Schittelkopp

Sachsenhausen. Das Zimmer ist von Bücherregalen flankiert, in der Mitte des Raumes steht ein Schreibtisch mit Computer: Auf 15 Quadratmetern macht Thomas Gunkel die Werke englischer Schriftsteller für deutsche Leser zugänglich. Der Übersetzer zählt zur deutschen Spitze in seinem Gebiet.

Kürzlich erschien der Roman „Die Chance“ des amerikanischen Bestseller-Autoren Stewart O’Nan in Deutschland, die Übersetzung stammt von Thomas Gunkel. Den Autoren und den Übersetzer verbindet eine geschäftliche und freundschaftliche Beziehung.

„Wir sind seit 18 Jahren zusammen“, sagt Gunkel und lacht. Alle 15 Werke, die von O’Nan ins Deutsche übersetzt wurden, stammen aus Gunkels Arbeitszimmer in Sachsenhausen. So gelang es Gunkel, den Schriftsteller für eine Lesung nach Treysa zu holen. Beide stellen das Werk am Samstag, 6. September, ab 19.30 Uhr in der Hospitalskapelle vor.

Seit 1991 arbeitet der Germanist als freier Übersetzer, angefangen hat er in einem kleinen Marburger Verlag. Seitdem hat sich in der Arbeit einiges verändert: früher tippte Gunkel die Übersetzung noch auf Schreibmaschine, heute auf Computer. Für die Recherche musste er ins Archiv nach Marburg. Die Wörterbücher stehen nun im Schrank, das Internet bietet einen Fundus an umfangreichen Wort-Datenbanken.

Buch muss mit in den Urlaub 

Wenn Gunkel früher Fragen an die Autoren hatte, schrieb er Briefe: „Die waren dann 14 Tage lang in die USA unterwegs“, erzählt er. Heute kommt die Antwort meistens per Mail innerhalb einer Stunde. Und die Bedingungen für freiberufliche Übersetzer haben sich ein wenig verbessert.

Obwohl sich Thomas Gunkel den ganzen Tag mit Literatur beschäftigt, ist Lesen ihm ein lieber Zeitvertreib. In den Urlaub nimmt er immer ein dickes Buch mit. Beeindruckt hat ihn kürzlich ein Buch der hierzulande noch unbekannten Christie Hodgen „Elegies for the Brokenhearted“. Eines der besten Bücher, das er jemals gelesen habe. „Das war ein emotionaler Rausch“, sagt Gunkel - und eine Empfehlung von O’Nan. Gunkel suchte einen Verlag und übersetzte den Roman. Nun wird er im Herbst unter dem Titel „Fünf Menschen, die mir fehlen“ erscheinen. Für überschätzt hält Gunkel Nick Hornby.

Die Arbeit des Übersetzers ist größtenteils Handwerk und ein Teil Kreativität. „Man muss sich an den Stil des Autors anpassen“, sagt Gunkel. Sechs Seiten übersetzt er täglich. „Ich werde nicht mit 65 in Rente gehen“, sagt der 58-Jährige, dafür mache ihm der Beruf viel zu viel Spaß.

Von Claudia Schittelkopp

Quelle: HNA

Kommentare