Ehepaar Gömpel schrieb Buch Vertreibung und Integration der Sudetendeutschen

Tief im Sog der Geschichte

Mit Herz und Seele: Die Eheleute Marlene und Horst W. Gömpel haben nach fast zweijähriger Arbeit ihr Buch „... angekommen!“ veröffentlicht. Foto: Paul

Ziegenhain. Seine Augen leuchten, als seine Finger durch die Seiten des Buches gleiten. Für einen kurzen Augenblick scheint sich Horst W. Gömpel in seinen Erinnerungen zu verlieren. Plötzlich streift sein Blick den von Ehefrau Marlene. Sie lächelt. Die beinahe zweijährige Arbeit am gemeinsamen Buch über die Vertreibung der Sudetendeutschen und ihren Neuanfang in Nordhessen hat die beiden noch enger zusammengeschweißt.

Der Treysaer beginnt zu erzählen: „1986 war ich zum ersten Mal in Reischdorf, wo meine Frau geboren wurde. Sie wurde als Kind mit ihrer Familie vertrieben.“ In Reischdorf der Schock: Nur der Bahnhof ist von dem einst belebten Örtchen erhalten geblieben. „Es war nur toter Wald zu sehen, als ob die Landschaft um den Verlust ihrer Gemeinde getrauert hat“, sagt Gömpel.

Mehr als 100 Zeitzeugen

Das Ehepaar war seitdem oft in Tschechien. Auch zu Recherchezwecken: „Wir haben viele Fotos gemacht und die Zeitzeugen im ehemaligen Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien befragt“, berichtet Marlene Gömpel. Ihr Mann habe vor allem in den Archiven die geschichtlichen Daten und Fakten recherchiert.

„Ich habe die Erlebnisse der Zeitzeugen dokumentiert“, sagt sie mit einem Hauch von Wehmut in der Stimme. Die älteste Befragte sei bereits 102 Jahre alt gewesen, habe sich jedoch an jedes Detail erinnern können.

Das Buch „... angekommen!“ leistet zweierlei: Für Marlene Gömpel ist es ein Erinnern an vergangene Zeiten, zugleich auch ein Austausch mit Gleichgesinnten, eine Wiedersehen mit verschollen geglaubten Bekannten und Verwandten. Für ihren Mann ist das Buch vor allem ein gesellschaftlicher Beitrag: „Mir ist es wichtig zu zeigen, was hier bei uns im Schwalm-Eder-Kreis mit den Vertriebenen passiert ist, wie sie aufgenommen und integriert wurden.“ Das Buch berichtet von Einzelschicksalen, von Menschen, die alles verloren haben und unter schweren Bedingungen im Nachkriegsdeutschland neu anfangen mussten. Horst und Marlene Gömpel haben das Buch nicht nur für die Betroffenen geschrieben. „Es soll gerade jungen Menschen Zugang zu einem Kapitel der deutschen Geschichte ermöglichen, das sie höchstens vom Hörensagen kennen“, erklären die Autoren.

Verständnis und Aussöhnung

Und es gelingt: Mit 200 eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Fotos, ausgewählten Zeitungsartikeln und Zeitzeugenberichten, die den Leser stellenweise mit den Tränen kämpfen lassen. Aus den teils bestialischen Schilderungen über Todesmärsche und Hungersnot geht hervor: Einige Deutsche waren im Zuge des Zweiten Weltkriegs selbst Opfer, die aus ihrer Heimat in Tschechien vertrieben wurden. Geschickt beleuchten die Autoren diesen Aspekt vor dem Hintergrund der Staatsentwicklung von Deutschland und Tschechien. So gelingt auch der Brückenschlag zur Gegenwart: Es geht in aktuellen Diskussionen um Verständnis und um die Aussöhnung zweier Staaten.

Neues Buch in Planung

Ehepaar Gömpel geht noch bis Ende des Jahres mit „… angekommen!“ auf Lesereise. Doch Horst W. Gömpel denkt allerdings schon weiter. Hunderte Ideen schwirren ihm durch den Kopf. „Bei uns zuhause stehen unzählige neue Aktenordner und Verzeichnisse“, verrät der Treysaer. Ein weiteres Buch wird nicht lange auf sich warten lassen.

Von Jasmin Paul

Quelle: HNA

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