Wolfhager Allgemeine

Tippen bis das Taxi kommt: Jon A. Sender ist eifrigster Leserbriefschreiber

Aktiv als fleißigster Leserbriefschreiber der Wolfhager Allgemeinen: Jon A. Sender. Weil der Rücken arge Probleme bereitet, kann er nur noch im Stehen an seiner alten Schreibmaschine arbeiten. Foto:  Norbert Müller

Wolfhagen. Gleichgültigkeit ist für ihn ein Fremdwort. Wenn Jon A. Sender etwas nicht passt, meldet er sich zu Wort. Das war schon immer so. An die 200 Leserbriefe hat der Wolfhager Pensionär in seinem Leben verfasst.

Veröffentlicht wurden sie im Spiegel, in der FAZ, der Welt und natürlich in der Wolfhager Allgemeinen.

Mit Argusaugen verfolgt er die Arbeit der HNA-Redakteure, die immer damit rechnen müssen, dass der 86-Jährige ihre Themen kommentiert.

------------------------------------------

„400 Anschläge die Minute habe ich zu meinen besten Zeiten geschafft.“

Jon A. Sender

------------------------------------------

Die Zeitung nämlich liest er jeden Morgen, ganz gemütlich in seinem Wohnzimmer im kleinen Haus am Rosengarten. Packt ihn ein Artikel besonders, beginnen sich die Worte in seinem Kopf bereits zum Kommentar zu formen. Seinen Kaffee trinkt er noch aus, bevor er ins Nachbarzimmer geht, wo die alte, mechanische Schreibmaschine bereits auf ihn wartet. 40 Jahre hat sie auf dem Buckel, und manch Seite für den geistig agilen Sender zu Papier gebracht.

„400 Anschläge die Minute habe ich zu meinen besten Zeiten geschafft“, sagt er nicht ohne Stolz. Ganz so schnell gehe es heute zwar nicht mehr, 250 Anschläge aber schaffe er noch immer. „Ich gönne mir höchstens zwei, drei Tippfehler pro Seite, mehr aber nicht.“

Krieg führte ihn nach Wolfhagen

Ob er nun Artikel zu Windkraft, Kommunalwahlen oder sonstigen regionalen Themen kommentiert, immer beendet er seine Zeilen mit einem „freundlichen Gruß“, den er dann per Kurier in die Redaktion schickt. Mal bringt ein Bekannter seine Leserbriefe in die Schützeberger Straße, oft aber auch ein Taxiunternehmen. „Ich selbst kann es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr“, sagt Sender.

In der Redaktion gehören seine Texte schon zum Alltag, bei manchen Themen werden sie fast schon erwartet. Gern gesehen sind sie allemal, beleuchten sie viele Themen doch nochmal von einer ganz anderen Seite. Sender nämlich schöpft aus einem reichen Erfahrungsschatz, geprägt von seinen Erlebnissen während der Kriegsjahre.

1927 in der Universitätsstadt Marburg geboren, gruben sich Hitlerjugend und Bombennächte, harte Zeiten als Kriegsgefangener in der Bretagne und Hunger in der Nachkriegszeit in Jon A. Senders Gedächtnis ein.

Mitarbeiter des Amtsgericht

„Ich habe den Krieg in all seinen Phasen und in ganzer Härte erlebt, er hat mir alles genommen und mich schließlich nach Wolfhagen geführt, wo ich mich erst einmal durchbeißen, eine komplett neue Existenz aufbauen musste“, erinnert sich Sender, der bis zu seiner Pensionierung beim Wolfhager Amtsgericht arbeitete.

Das Schreiben hat ihn bei allem stets begleitet. Die Erinnerungen an seine Zeit in französischer Gefangenschaft hat er nur für sich festgehalten, andere Erlebnisse in Romanen und Zeitungsartikeln mit der Öffentlichkeit geteilt. Ein neues Buch plant Sender nicht, Leserbriefe hingegen schon. Er will sich auch weiterhin zu Wort melden, wenn ihm etwas nicht passt, schließlich ist Gleichgültigkeit für ihn ein Fremdwort.

Von Sascha Hoffmann

Quelle: HNA

Kommentare