Der Berliner Autor Michael Rutschky über seine Kindheit im Melsunger Land

Toben auf dem Schloßberg

Denkt gern an Spangenberg zurück: Michael Rutschky, fotografiert im Jahr 2004. Foto:  Ullstein Bild/Schleyer

Spangenberg. Wenn Michael Rutschky mit dem Zug durch Nordhessen fährt, schaut er besonders aufmerksam aus dem Fenster – denn sonst würde er den kurzen Blick auf Spangenberg verpassen, den Ort, an dem er seine Kindheit verbracht hat.

Heute lebt Rutschky in Berlin, doch an Spangenberg denkt der Autor immer noch gern zurück. „Ich habe die Stadt wirklich als sehr schön in Erinnerung“, sagt er, „für ein Kind war es dort großartig.“ Zu seinen Lieblingsorten gehörte der Marktplatz: „Da standen immer die neuen Autos rum, das war schon toll.“ Auch auf dem Schloßberg habe er sich gern herumgetrieben. „Da sprangen wir über alle Zäune – nur der jüdische Friedhof war tabu.“ Das Schloß war damals noch eine Ruine, erzählt Rutschky.

Als Zugezogener gehänselt

Seine ersten Gedichte habe er in Spangenberg geschrieben, sagt der 69-Jährige. „Aber nicht auf Papier, sondern in meinem Kopf – während ich über die Felder und durch den Wald streifte.“

Rutschky genoss die Kindheit auf dem Land. Und doch wusste er schon früh, dass er irgendwann nach Berlin zurückkehren würde – seinen Geburtsort. Seine Neugierde auf diese Stadt wurde vor allem angeregt durch die vielen alten Fotografien, die sein Großvater von Berlin gemacht hatte. „Ich war schon als Kind Großstädter“, sagt Rutschky und lacht.

Eine Großstadt war Spangenberg damals wahrlich nicht: 3600 Einwohner lebten dort. Dafür, erinnert sich Rutschky, war Melsungen noch Kreisstadt – und die Autos trugen das Kennzeichen MEG. „Ich war ja entsetzt, als ich gehört habe, dass jetzt alle mit HR herumfahren“, scherzt Rutschky.

Das kratze doch ein wenig am Lokalpatriotismus – obwohl er sich eigentlich nicht als Nordhesse fühlt. Schließlich ist er Sohn zweier Berliner. „Ich kann nicht richtig nordhessisch sprechen, ich kann das nur imitieren.“

Dass er den Dialekt nicht beherrschte, machte es ihm als Kind nicht leicht. „Ich wurde als Nicht-Einheimischer diskriminiert“, schildert er, „galt als eingebildet, trug die falschen Klamotten. “ Einmal jagten ihn andere Kinder durch die Straßen Spangenbergs und brüllten „Feuerwehr, Feuerwehr“ – weil er einen rot-blauen Trainingsanzug trug.

Zuflucht bei den Salzmanns

„Aber wir waren nicht die einzigen Zugezogenen“, erinnert sich Rutschky. Zum Kriegsende zogen viele Menschen aus den Städten aufs Land. Die Rutschkys fanden in Spangenberg Zuflucht bei alten Freunden, der Familie Salzmann. Heinrich Salzmann war damals einer der größten Arbeitgeber in der Region – als Mitbegründer der Textilfirma Salzmann & Compagnie mit Sitz in Kassel-Bettenhausen, die vor allem Segeltuch herstellte.

Außerdem hatten die Salzmanns Landwirtschaft, Lebensmittel wurden also nicht knapp. Besonders schöne Erinnerungen hat Rutschky ans Heu machen. Seine Mutter half dabei, das gemähte Gras mit dem Rechen zu wenden, damit es nicht faulte. „Ich war zu klein, um mitzumachen“, erzählt Rutschky, „also wurde ich in den Schatten gelegt.“ Dort gab es dann Muckefuck aus großen Milchkannen.

Trotz all der schönen Erinnerungen zieht es Rutschky nicht mehr zurück nach Spangenberg. Seit 1996, als seine Mutter starb – die im Gegensatz zu ihrem Sohn die Großstadt hasste und deshalb mit ihrem Mann in Spangenberg blieb – war Michael Rutschky nicht mehr in der Liebenbachstadt. Seine Spangenberger Kindheit sei für ihn „eine leise, vergoldete Vergangenheit.“ ARTIKEL RECHTS

Von Judith Féaux de Lacroix

Quelle: HNA

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