Ohne Leichenschau des Kommissariats 10 geht im Landkreis nichts

124 Mal war die Todesursache unklar

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Spezialisten der Kriminaltechnischen Untersuchung (KTU) sichern einen Tatort. Diese Szene ist von Kieler Beamten für eine Demonstration gestellt.

Schwalm-Eder. Bei 124 Menschen im Schwalm-Eder-Kreis war im vergangenen Jahr die Todesursache unklar. Jedes Mal rückten die Beamten der Kriminalpolizei Schwalm-Eder aus, um die Leiche und die Lebensumstände zu untersuchen. „Das ist Pflicht“, sagt Bernhard Volke, Leiter des Kommissariats Zehn (K10).

In seine Zuständigkeit fallen alle Todesermittlungen. Eben auch die ungeklärten Todesursachen. Meistens werden die Beamten von einem Arzt benachrichtigt. Das ist immer dann der Fall, wenn der Arzt die Todesursache nicht klären kann oder ein nicht natürlicher Tod vorliegt.

Selten handelt es sich dabei um ein Verbrechen. Lediglich in 13 Fällen ermittelten die Beamten schließlich wegen eines Tötungsdelikts. Darunter waren aber immerhin zwei Morde. Elf Mal ermittelten die Beamten wegen eines Totschlags oder einer fahrlässigen Tötung.

Die acht Männer und zwei Frauen des K10 sind hart im Nehmen. Zu ihren Aufgaben gehört es auch, die Umstände von Selbstmorden zu untersuchen. Durchschnittlich 20 Mal ist das im Landkreis jährlich der Fall.

So schnell vergisst man die Bilder eines zerfetzten Menschen nicht, wenn sich dieser mit Suizidabsicht vor einen Zug gestellt hat. Volke ist Profi: Er ekelt sich weniger vor dem Madenbefall einer Leiche, als dass es ihn ärgert, dass der Verwesungszustand die Ermittlungen erschwert. „Wir sind geschult, meine Kollegen brauchten bisher jedenfalls noch keine psychologische Betreuung“, sagt Volke.

Schwierigkeiten gebe es eher mit den Hinterbliebenen: wenn beispielsweise ein Toter nicht zur Bestattung freigegeben werden kann oder sogar zwecks Obduktion mitgenommen werden muss. Angehörige reagierten da natürlich mit Unverständnis. „Leider bleibt uns keine andere Wahl“, bittet Volke um Verständnis. Die Todesursache müsse immer geklärt werden.

Tod ist niemals Routine

Kriminalpolizei ermittelt bei unklarer Ursache - Fallzahlen seit Jahren stabil

Von Damai D. Dewert

Schwalm-Eder. Die Gerichtsmediziner im Fernsehen erzählen Humbug. Jedenfalls wenn es um die Bestimmung des Todeszeitpunktes geht. Das sagt Bernhard Volke. Der Leiter des Kommissariats 10 kennt sich aus. Genauer als bis auf einen Tag lasse sich der Todeszeitpunkt medizinisch nicht bestimmen. Er uns seine Kollegen werden durchschnittlich zu 130 Todesermittlungen jährlich gerufen. Dazu gehören Unfälle, Tötungsdelikte und natürliche Tode. Denn wenn sich der Mediziner bei der Ermittlung der Todesursache nicht sicher ist, werden die Ermittler gerufen. Immer und egal wann.

Das ist so Vorschrift in Deutschland. Vorschrift ist auch, dass bei jedem Toten eine Leichenschau stattfindet. Sofort nach dem Ableben muss ein Arzt gerufen werden. Denn ohne einen Leichenschauschein darf in Deutschland kein Toter bestattet werden. Nur Notärzte während des Rettungsdienstes sind von der Leichenschau befreit. "Lebende Menschen gehen natürlich vor", sagt Volke. Sind die Beamten erstmal gerufen, ermitteln sie die Lebensumstände, die Wohnsituation und andere Umstände.

"Wenn wir die Todesursache auch nicht klären oder ein Fremdverschulden nicht ausschließen können, wird eine Obduktion in der Gerichtsmedizin angeordnet", sagt Volke. Dies könne aber nur ein Richter veranlassen. Im vergangenen Jahr wurden 20 Tote aus dem Landkreis obduziert. Diese Zahl habe in den vergangenen Jahren insgesamt zugenommen, sagt der K10-Chef. 2009 waren es 27. Die zuständige Gießener Rechtsmedizin hat in Kassel eine Außenstelle. Obligatorisch bei einer Obduktion ist, dass Kopf, Brust und Bauch des Toten geöffnet werden.

Toxikologische und histologische Untersuchungen werden nur bei Bedarf erstellt. Wasserleichen, Tote in Justizvollzugsanstalten und Drogentote werden immer obduziert - Brandleichen in den meisten Fällen. Im Gegensatz zum Todeszeitpunkt können die Gerichtsmediziner die Todesursache meist genau herausfinden. So muss beispielsweise nicht ein Kellertreppensturz tödlich gewesen sein, sondern eventuell der voraus gegangene Herzinfarkt. Nur in dessen Folge sei der Tote dann gestürzt. Aber auch die Kripo-Beamten sind geschult im Umgang mit Leichen und bei den Obduktionen dabei.

"Uns interessiert allerdings weniger, welche medizinische Ursache ein Tod hatte, als vielmehr, ob ein Fremdverschulden vorliegt", sagt Volke. In den meisten Fällen haben die Beamten bei der Todesermittlung Erfolg. "Die Dunkelziffer ist gering, auch wenn wir nicht ausschließen können, dass es Tötungsfälle gibt, die unentdeckt bleiben", sagt Volke.

Quelle: HNA

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