Von vielsagenden Zeichen im Leben der alten Schwälmer erzählt Anneliese Schwalm

Die Tracht verbarg nichts

Kindergarten in Riebelsdorf 1936: Obere Reihe von links Elisabeth Schulteiß, Anna Elisabeth Schmidt, Mariechen Wagner, Anna Maria Well, Elisabeth Blumenauer, Elisabeth Schreiner, Elschen Schaub, untere Reihe Elisabeth Stähling, Anna Maria Knauf, Anna Katharina Biedebach, Anna Elisabeth Günter, Mariechen Jüngel und Elisabeth Wiederhold. Foto: privat

Neukirchen. Anneliese Schwalm hängt an ihren alten Bildern aus dem Kindergarten 1936 in Riebelsdorf und der Schul- und Konfirmationszeit. Im schönsten Schwälmer Staat sind sie und ihre Spielkameraden gezeigt. Ganz so prächtig ging es im Alltag natürlich nicht zu.

Mit 13 Jahren wurde die junge Riebelsdörferin „vornehm“, das heißt, sie legte die Tracht ab. Nur zur Kirmes ging Anna Elisabeth Schmidt als Schwälmerin gekleidet, „die fliegenden Röcke gaben beim Walzer mehr Schwung“. Anneliese schummelte dabei ein wenig, denn an den Trachtenteilen „sahen die Jungen genau, wer reich war“. „Wir waren kleine Leute, aber mein Großvater war Schneider, da bekam ich die Sachen stolz gearbeitet.“ Die Geißeleute habe es gegeben (Anmerkung der Redaktion: Ziegenleute), danach die Kuhleute, dann kamen die Bauern und schließlich die großen Bauern. „Alles sollte zusammen bleiben, die Bauern wollten ihren Stand erhalten“, lernte die junge Anneliese.

Kein Anstoß mehr

Mit dem Ablegen der Tracht verlor das starre Standesdenken an Verbindlichkeit. Als Anneliese Schwalm, nun Ehefrau in Seigertshausen, 1958 ihre eigene Tochter „schwälmisch“ einkleidete, stattete sie die 14-Jährige ganz wie ein reiches Bauernmädchen aus, Anstoß nahm daran nun niemand mehr.

In der Rückschau nimmt sich die scharfe Trennung zwischen den Schichten für die heute 79-Jährige gar nicht so hart aus. „Man hat einen jeden an der Tracht genau erkannt, aber es musste auch niemand Not leiden.“ Die Kinder von „geringen Leuten“ gingen eben als Knecht oder Magd in Stellung. Das Mädchen Anneliese war eine begabte Schülerin und auf eine Lehrstelle bei der Sparkasse aus, aber die bekam ein Kriegsbeschädigter.

Anneliese wurde Magd auf der Sängermühle zwischen Riebelsdorf und Rückershausen, fünf Jahre, bis zu ihrer Hochzeit, blieb sie dort. „Wir mussten schwer arbeiten, täglich von 5 Uhr bis 19 Uhr, für ein 14-jähriges Mädchen war es hart.“ Eine Mark gab es pro Tag und das Deputat von wohl zehn Zentnern Kartoffeln, 40 Pfund Mehl, einem Satz Bettwäsche, pro gefüttertem Ferkel gab es ein paar Pfennig extra. Alles wurde erst zwischen den Jahren am Scherztag, dem 27. Dezember, ausgezahlt. Später freute sie sich über einen Verdienst von 700 oder 800 Mark.

„Das Geld nahm meine Mutter und kaufte bei der Firma Gessner in Neukirchen Haushaltswaren für meine Aussteuer.“ Als der Hochzeitstag kam, waren die Eltern – der Vater war Maurerpolier – stolz, dass auf dem Kammerwagen nichts fehlte außer einer Kleinigkeit, einer Gießkanne. Und die bekam sie dann auch noch. Eine Küche, ein Schlafzimmer, ein halbes Wohnzimmer und zwei Services, ein großes für Festtage und ein kleines für den Alltag, brachte die junge Frau in ihren neuen Haushalt. „Ich hatte alles, meine Nachbarn konnten es sehen.“

Was auch alle wussten: Die Braut war schwanger. War ein Kind unterwegs, durfte die unverheiratete Frau nämlich nicht mehr am Abendmahl teilnehmen – eine Art Bekanntmachung für das ganze Dorf. „Bei Pfarrer Adam in Obergrenzebach musste ich Buße tun, doch der sagte, das Kind sei ein Geschenk Gottes und ich solle nicht weinen.“ Heiraten aber durfte Anneliese nicht in Weiß, sondern sie trug ihr dunkles Abendmahlskleid.

35 Kirchenlieder

„Ich denke sehr gern an meine Kindheit, trotz Kriegszeiten hatte ich es gut“, erzählt Anneliese Schwalm dann noch. Die Spinnstube, die Spiele draußen, auch ernste Momente wie die „Prüfung“ vierzehn Tage vor der Konfirmation kommen ihr in den Sinn. 35 Kirchenlieder habe sie dafür gelernt, „die kann ich heute noch auswendig“.

Von Anne Quehl

Quelle: HNA

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