Norbert Böhne reiste an den Ort, wo er mehr als zwei Jahre als Kriegsgefangener lebte

Tränen beim Wiedersehen

Erinnerungen: Norbert Böhne nach der Rückkehr mit den Fotos, die seine Tochter während der Reise machte, und fünf Aufnahmen, die er noch aus seiner Zeit als Kriegsgefangener besitzt. Foto:  Norbert Müller

Naumburg. Es war ein langer Weg zurück, dorthin, wo Norbert Böhne unfreiwillig mehr als zwei Jahre seiner Jugend verbrachte, an einen Ort, den er vor gut 63 Jahren verlassen und der ihn seitdem nie so ganz losgelassen hat. Ende Juni machte sich der 82-jährige Naumburg mit einer seiner fünf Töchter auf den Weg zurück in die Bretagne, wo er als Kriegsgefangener in der Landwirtschaft arbeitet.

Natürlich wusste die Familie vom Wunsch Norbert Böhnes, den Ort der Gefangenschaft noch einmal wiederzusehen. Und weil es sich über all die Jahrzehnte nie ergeben hat, machten die Kinder Nägel mit Köpfen und schenkten ihm zum Geburtstag die Reise.

Orte der Vergangenheit

„Ich wollte die gleiche Tour noch einmal machen zu den Orten, wo ich damals war“, sagt Norbert Böhne, sehen, was sich verändert hat. „Die Orte kannte ich noch alle mit Namen, ich wusste nur nicht mehr, wie sie geschrieben wurden.“ Mit einer Frankreichkarte und Unterstützung durch das Internet wurde geplant: Rennes, Saint-Méen-le-Grand, Le Crouais und Chateau de Comper, waren die Orte der Vergangenheit.

Mit dem Auto und in Begleitung seiner Tochter Johanna ging es dann los. Über Belgien, die Normandie in die Bretagne. Vom Hotel aus wurden die einzelnen Stationen angefahren: Chateau de Comper, wo er zwei Monate im Lager war, dann Le Crouais, wo Böhne zwei Jahre für eine Bauern, den „Patron“, arbeitete. Der Patron ist längst verstorben, das Gehöft leerstehend.

Das letzte Vierteljahr seiner Gefangenschaft verbrachte Norbert Böhne beim Bauern Louis Mehal. Den Hof fand Böhne nun verfallen vor. Um Näheres zu erfahren, klingelte man im benachbarten Schloss. Eine Frau öffnete, Böhne erklärte Madame Chrespelle, dass er bei Nachbar Mehal als Kriegsgefangener im Einsatz war. Ihr Mann Joseph kam eilig zur Tür, was folgte war ein tränenreiches Wiedersehen.

Festessen

Joseph Chrespelle hatte erst wenige Tage zuvor von Norbert Böhne gesprochen, fischte aus seiner Brieftasche einen Zettel mit den Namen der deutschen Gefangen, die auf dem Schloss und dem Nachbarhof gearbeitet hatten. Der letzte Name auf der Liste: Norbert. Der hatte den achtjährigen Joseph öfter auf dem Schulweg ein Stück auf dem Arbeitspferd reiten lassen. Sofort wurden Böhne und seine Tochter zu einem üppigen Festessen eingeladen. „Ich werde noch immer nicht fertig über die Gastfreundschaft“, sagt Böhne.

Von Chrespelle erfuhr er den Aufenthalt des Sohns von Bauer Mehal. Emil war damals 15 Jahre alt. Er erkannte nach all der Zeit den Mann aus Deutschland nicht sofort. Böhne: „Emil hat mich erst erkannt, nachdem ich ich sagte, du hattest damals eine Krücke, rote Haare, und auf dem Hof gab es ein riesiges Pferd.“ Dann sei Mehal dem Besucher aus der Vergangenheit um den Hals gefallen.

Nach einer knappen Woche in der Bretagne hieß es, Abschied nehmen.

„Es war ein unbeschreibliches Erlebnis“, sagt Norbert Böhne und: „Es war eine gute Entscheidung, dorthin zu fahren.“ Tochter Johanna würde im kommenden Jahr mit ihm die Tour glatt wiederholen. Der 82-Jährige: „Ich bin mir da noch nicht so sicher. Ich habe ja alles gesehen, was ich nochmal sehen wollte.“

HINTERGRUND

Von Norbert Müller

Quelle: HNA

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