Traumatische Jahre im Kinderheim in Treysa

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Als Kind nie Liebe und Zuneigung erfahren: Lutz Klapp lebte von 1962 bis 1975 im Hephata-Heim. Das Foto zeigt ihn (links) im Klassenraum der Sonderschule.

Die Nachricht, dass in Hephata Medikamente in den 50er-Jahren an Heimkindern getestet wurden, rückt deren Schicksal erneut in den Fokus. Lutz Klapp ist Hephata-Heimkind. Er erzählt von seiner Kindheit.

Schwalmstadt. Ein einzelner Mann in der dunklen, düsteren Stimmung des Treysaer Bahnhofs: Es ist das Gefühl der Einsamkeit, das den Betrachter von Lutz Klapps preisgekröntem Selbstporträt „The first passenger“ erschauern lässt. Einsamkeit und Angst waren beherrschend in der Kindheit des Ziegenhainer Fotografen. Er ist einer der Menschen, die ihre Kindheit im Heim verbrachten. Lutz Klapp war in Hephata.

Körperliche Gewalt war das eine - der Erziehungsstil dieser Zeit, sagt er. Aber was ihn nicht loslässt, sind die seelischen Verletzungen, die ihm zugefügt wurden. Es ist das Gefühl, minderwertig gewesen zu sein, damit verbunden die ewige Suche nach Anerkennung. Das trägt Klapp seit seiner Geburt mit sich durchs Leben. Und es ist nicht die Erinnerung an die Schläge mit dem Rohrstock oder an den Ohren gezogen zu werden, bis man auf den Zehenspitzen stand, die den 61-Jährigen im Gespräch zum Weinen bringt. Es ist die Beschreibung seiner Einsamkeit, seiner Isolation. „Liebe und Zuneigung habe ich als Kind nie erfahren“, sagt er.

Geboren wurde Klapp 1955 in Berlin. Kurz zuvor hatte der Vater die Mutter verlassen. Den Säugling ignorierte sie: „Sie hat mich im Dreck liegen lassen, schreiend und brüllend“, erzählt Klapp. Er ist sechs Monate alt, als sich das Jugendamt einschaltet. Der Säugling, dem Tode nahe, kommt ins Krankenhaus und muss dort aufgepäppelt werden bis er ein Jahr ist. Anschließend wird das Kind im Johannesstift in Berlin untergebracht. Dort sind bereits seine älteren Brüder. Gesehen hat er sie dort nie. „Wir wurden bewusst voneinander getrennt“, sagt er. Als unruhiges Problemkind wurde er eingestuft.

Mit sechs Jahren musste er das Heim verlassen, ein Arzt attestierte ihm Schwachsinn im Sinne einer Debilität. So kam der Junge nach Hephata - und wegen der Diagnose in die Pflegeabteilung für behinderte Kinder.

Zunächst war er im Haus Emmaus untergebracht. Klapp erinnert sich an nachts abgesperrte Schlafsäle, in denen bis zu 30 Kinder schliefen. Die Betten in Reihen an den Wänden, in der Mitte die Urinale. „Der Gestank morgens war unerträglich“, sagt Klapp. Sedierende Medikamente, beispielsweise im Tee, waren Alltag. Die Züchtigung überwog die Förderung: Einsatz von Schlagstöcken oder zur Strafe die halbe Nacht im Flur stehen waren nichts Ungewöhnliches, erzählt Klapp.

Die Bedingungen wurden besser, als er ins Haus Jubilate kam. Aber immer noch zählte er zu den behinderten Kindern. Immerhin: Als einer der wenigen durfte er von dort aus die Sonderschule besuchen. Mit neun Jahren spürte er, dass mit seiner Unterbringung etwas nicht stimmte, und er kämpfte. „Ich war einsam unter den behinderten Kindern“, sagt er.

„Ein Verbrechen, dass die Diagnose Debilität nicht früher überprüft wurde“, sagt er heute. Denn bis zu seinem 13. Lebensjahr dauerte es, nicht mehr als schwachsinnig eingestuft zu werden.

Quelle: HNA

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