Deutscher Meister: 19-Jähriger fuhr der Konkurrenz davon - Gewinner ist seit der Geburt fast taub

Trotz Behinderung zum Titel

Vom Montainbike aufs Rennrad: Der 19-jährige Tobias Zischler ist deutscher Meister im Straßenrennen der Gehörlosen. Foto: Thiery

Frielendorf. Mit einem strahlenden Lächeln kommt er aus dem Haus. Ein junger Mann mit lockigem Haar und einer sportlichen Figur: Tobias Zischler aus Frielendorf, deutscher Meister im Straßenrennen bei den Gehörlosen Radsportmeisterschaften in Neuwied.

Seit dem Jahr 2006 fährt der 19-Jährige Rad. Die Leidenschaft dafür entdeckte er im Schwarzwald, wo die Familie damals wohnte. Vorher versuchte er sich an diversen anderen Sportarten. Beim Mannschaftssport gab es schon einmal Probleme mit der Verständigung, sagt er. Denn Tobias ist von Geburt an fast taub.

Lippen lesen und Hörgerät

Die erblich veranlagte Diagnose lautete: an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit. „Auf dem linken Ohr höre ich ab 110 Dezibel, auf dem rechten ab 120 Dezibel“, erklärt er. Das sei vergleichbar mit den Geräuschen beim Start eines Flugzeugs. Er versteht nahezu alles und spricht fast nasalfrei: „Ich lese 75 Prozent von den Lippen ab, den Rest besorgt das Hörgerät.“

Der Frielendörfer besucht die 13. Klasse der Melanchthon-Schule Steinatal und bereitet sich aufs Abitur vor. Erzogen wird er von den Großeltern. Die Familie zog extra nach Frielendorf, damit Tobias dort das Gymnasium besuchen konnte. Denn eigentlich kommt sie aus Fulda. „Wir haben Tobias auf eine ganz normale Schule geschickt. Das war eine Herausforderung, aber am Ende hat alles geklappt“, sagt Evelyn Zischler, die Oma von Tobias. Die meisten Hörbehinderten besuchten spezielle Schulen. „Bildung ist wichtig, wir wollten, dass er später gut für sich sorgen kann“, fügt die 58-Jährige hinzu.

Tobias Lehrer sprechen für ihn im Unterricht in ein spezielles Mikrofon. Er muss sich auch anders konzentrieren, kann nicht alle Geräusche um sich wahrnehmen: „Ich muss deshalb im Klassenraum immer in der ersten Reihe sitzen“, sagt der 19-Jährige. Daran habe er sich aber mittlerweile gewöhnt.

Vorn dabei zu sein gehört für Tobias dazu. „Ich will mich gar nicht mit anderen vergleichen, sondern einfach nur an meine Grenzen gehen“, sagt er. Das tat er auch bei den Meisterschaften in Neuwied. „Ich hatte nicht mit einem Sieg gerechnet. Es gab einige Favoriten und ich war zum ersten Mal dabei“, erzählt er.

Bis kurz vor dem Rennen fuhr Tobias nur Moutainbike. Er konnte sich durch einige Rennen in dieser Disziplin für die Meisterschaften qualifizieren und trainierte dann auf dem Rennrad. „Nach den ersten vier Runden merkte ich, dass ich noch viel Kraft hatte“, sagt er. Er setzte sich von den Mitfahrern ab und kam mit zwei Minuten Vorsprung ins Ziel.

Im Nationalkader dabei

Durch den Sieg ist Tobias nun automatisch auch im Nationalkader. Und der führt ihn zu seinem nächsten sportlichen Ziel: Die Teilnahme an den Europameisterschaften in St. Petersburg 2012. Bis dahin gehen aber erst einmal das Abitur und die Suche nach einem Studienplatz vor. Er will auf jeden Fall studieren. Sportwissenschaften oder Lehramt mit den Fächern Mathe und Sport schweben ihm im Moment vor. Hintergrund

Von Christine Thiery

Quelle: HNA

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