Autor Martin Grzimek besuchte seine alte Heimat und las in der Melanchthon-Schule

Trutzhain ist sein Fundus

Wuchs im ehemaligen Gefangenenlager auf: Der Autor Martin Grzimek lebte bis 1968 in Trutzhain, heute ist er Lehrbeauftragter, unser Foto entstand gestern in Ziegenhain, Kasseler Straße. Foto: Rose

Willingshausen. Als Martin Grzimek die Eingangstür des Steinahauses an der Melanchthon-Schule öffnet, wirkt er ein wenig gedankenverloren: „Wie häufig bin ich hier durchgegangen?“, murmelt der Autor.

Dabei lässt er den Blick schweifen. Über das Schulgelände, die Sportanlagen. Martin Grzimek, Jahrgang 1950, wuchs als jüngster von vier Söhnen einer neu angesiedelten schlesischen Flüchtlingsfamilie in dem vormaligen Gefangenenlager Trutzhain auf. Am Donnerstag besuchte er die alte Heimat, las aus seinem aktuellen Werk „Tristan“ vor 250 jungen Leuten in der Melanchthonschule.

An der Schwalm liebt Grzimek fast alles - „bis auf das Wetter“. Gern erinnert er sich an seine Kindheit zurück. „Das Barackenlager war für Kinder ein großer Erlebnisspielplatz.“ Ebenso aufregend habe er die vielen verschiedenen Menschen empfunden. „Diese Eindrücke sind bis heute praktisch der Fundus meines Schreibens“, erklärt er. Trutzhain sei nie eines „dieser normalen Schwälmer Dörfer“ gewesen. „Aber aus der Notsituation wurde viel Neues geboren.“ Es habe immer eine große Melancholie, aber eben auch eine große Freude über dem Dorf geschwebt.

Den besonderen Reiz möchte Martin Grzimek auch seinen Studenten vermitteln: „Anhand des Dorfes kann man den ungeheuren Werdegang von der Stunde Null bis heute ablesen“, sagt er.

Mit Trutzhain hat sich Grzimek 1984 in einem Buch auseinander gesetzt. Darin spielt auch die Schulzeit eine Rolle. „Das Irritierende am Steinatal waren die Heimser. Die vielen verschiedenen Charaktere - das war quasi eine Fortsetzung von Trutzhain“, erzählt er. Und doch prägten ihn „diese oft eigenwilligen Mitschüler, die ein neues Zuhause suchten“. „Wir haben Brote getauscht und es gab, im Gegensatz zu anderen Schulen, täglich Kakao.“

Die Lust am Schreiben lebt Grzimek überwiegend nachts aus. Ohne sich auf ein Genre festzulegen. „Ich schreibe immer das, was ich möchte“, sagt er. Romane, Jugendbücher, Krimis, Erzählungen. Mindestens ein Mal im Jahr reist er in die Schwalm, trifft seinen Bruder, der in Hersfeld lebt. „Schon lange habe ich den Wunsch, mal etwas über die Schwalm zu machen“, sagt er. Schweigt. Und lächelt.

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

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