Treysaer Kaserne: So hätten Soldaten einen Atomkrieg überlebt

Treysa. Auf Punkt 11 Uhr blieben Ende Dezember 2006 die Uhren in der Harthbergkaserne stehen. Als der Strom in der Kaserne abgeschaltet wurde, war nach dem Fall des Eisernen Vorhangs der Kalte Krieg bereits längst Geschichte.

Oberirdisch wird das Treysaer Areal zu einem Gewerbegebiet umgekrempelt, aber unter der Erde ist noch viel von dem Schrecken der Zeit spürbar, als Russen und Amerikaner sich unversöhnlich gegenüberstanden.

Atombunker unter der früheren Treysaer Harthbergkaserne

Das schlimmstmögliche Szenario war damals ein Atomkrieg, und darauf war die Bundeswehr in Treysa mit unterirdischen Bunkeranlagen vorbereitet. Nur vier der rund zwei Dutzend Gebäude in der Harthbergkaserne waren jedoch entsprechend unterkellert.

Extra gesichert: Nur die farblich markierten Gebäude waren atomsicher, im rot markierten Gebäude war die Fernmeldevermittlung untergebracht. Foto: nh

Eines der Gebäude, das unterhalb der üblichen, mit massivem Beton trümmergeschützten Kellerschutzräume noch mit einer weiteren Kelleretage ausgebaut war, war die Fernmeldevermittlung. Anfang der 70er-Jahre wurde das Haus neu gebaut und unterkellert. In unsicheren Zeiten, als in Treysa Amerikaner stationiert waren, um die Sprengköpfe im US-Stützpunkt Rörshain zu bewachen und die Harthbergkaserne der Nato unterstellt war.

Im Keller bewältigten rund um die Uhr Zivilkräfte den gesamten Sprechverkehr innerhalb der Kaserne und nach draußen. Fernschreiber und Fernsprecher sowie ein Springer wechselten sich schichtweise ab, um mit Steckverbidungen an großen Schalttafeln Verbindungen herzustellen.

Schlafen in Schichten

Bei einem Atomschlag hätten eine Etage tiefer 50 Soldaten das Inferno überleben können. Es wäre ein Protokoll voller „Hätte“ und „Wäre“ gewesen: Die eine Hälfte der Soldaten hätte an der Notvermittlung Verbindung gehalten zu allen möglichen Militärstäben. Im Raum nebenan hätte im Wechsel die andere Hälfte der Soldaten in spartanischen Doppelstockbetten geschlafen. „Die waren mit in die Decke gebohrten Gummipuffern befestigt, um die Wucht von Bombeneinschlägen abzufedern“, erinnert sich Walther Schmidt aus Großropperhausen, der von 1969 bis zum Ende Elektriker in der Kaserne war.

Wäre der Strom ausgefallen, wäre ein Notstromaggregat angesprungen, für das 5000 Liter Diesel eingebunkert waren. Danach wären Batterien an der Reihe gewesen, die noch für anderthalb Tage Strom abgegeben hätten. In Pappkisten hätten die Männer ihre Nahrung vorgefunden: ein Hauptgericht, Schokolade, Kaffee und Kekse, „hart wie Panzerplatten“, sagt Schmidt. Ihre Notdurft hätten die Soldaten in einem separaten Raum auf luftdicht zu verschließenden Blechtonnen verrichtet. Und im Raum daneben wären die Toten in Leichensäcken übereinandergestapelt worden. Unentwegt hätten zwei Soldaten mit der Handkurbel eine mechanische Lüftermaschine in Gang gehalten. „Im Atombunker war das Menschlichste auf den kleinsten Nenner reduziert“, sagt Walther Schmidt, „alles war auf das reine Überleben ausgerichtet“. Wäre die Stahltür am Bunkereingang versperrt gewesen, hätten die Soldaten über den schmalen Schacht eines Notauslasses nach draußen klettern müssen.

Zwei, höchstens drei Wochen hätten die Soldaten bei einem Atomkrieg unter der Harthbergkaserne ausharren können, vermutet Schmidt. Ob sie allerdings nach dem Verlassen des Betonbunkers noch ein lebenswerte Welt vorgefunden hätten, darüber wurde nie gesprochen.

Von Jürgen Köcher

Quelle: HNA

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