Unendlicher Glücksfall führte zum Fall der Berliner Mauer

Holte weit aus: Eberhard Diepgen blickte in der Wolfhager Stadthalle zurück – nicht nur auf die Jahre seit dem Fall der Berliner Mauer, sondern auch auf geschichtliche Zusammenhänge im Vorfeld der beiden Weltkriege. Fotos:  zih

"Einer hat sich verquatscht, und ein anderer hat nicht recht gewusst, was er tat", so brachte es der frühere Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen beim Neujahrsempfang der Stadt Wolfhagen auf den Punkt, wie es am 9. November 1989 zum Fall der Mauer kam.

Wolfhagen. Der frühere Regierende Bürgermeister Berlins, Eberhard Diepgen, war durchaus beeindruckt von dem, was er von Wolfhagens Bürgermeister Reinhard Schaake zu Beginn des Neujahrsempfangs am Sonntag in der Wolfhager Stadthalle zu hören bekam: üppiger Haushaltsüberschuss im Jahr 2013, ein ausgeglichener Etat 2014, die lokale Energiewende fast geschafft. Und auch die Solidarität und das Engagement im Kampf um den Erhalt der Geburtshilfe in der Wolfhager Klinik war Thema.

Dann leitete der Verwaltungschef schon über zum 73-jährigen Christdemokraten aus der Hauptstadt, der als Vize des Vereins „Gegen Vergessen - für Demokratie“ über „ein einmaliges Ereignis weltweit sprechen“ werde, die friedliche Revolution von 1989, ein „Ereignis biblischen Ausmaßes“. Sie habe zur Wiedervereinigung geführt, einem „Geschenk des Himmels“, und, so der Bürgermeister weiter, „deren Strahlkraft ist einzigartig“.

Damit war eigentlich das Wesentliche gesagt, aber der Mann, der 1989 Regierender Bürgermeister in Berlin war, also seinerzeit mitten im Geschehen, wusste zur Wiedervereinigung natürlich noch mehr zu erzählen.

Diepgen ließ sich auch nicht lange bitten, nahm erstmal den Ball zu Wolfhagen auf, das in Haushaltsangelegenheiten und bei der Energiewende Bund und Land meilenweit voraus sei. Ehe Diepgen dann allerdings beim Thema Wiedervereinigung ankam, ging er auf die Anliegen seines Vereins ein: Über das Erinnern und das Schlussfolgern gelte es, sich für ein „stabiles, menschliches, mitmenschliches und demokratisches Deutschland“ einzusetzen.

Es sei wichtig, an die Opfer zu erinnern. Aus der NS-Zeit und auch aus der Zeit der DDR. „Aber erinnern wir uns auch ausreichend an Vorbilder?“ An die „stillen Helden“, so Diepgen, „die in unmenschlichen Systemen menschlich geblieben sind“.

Dann ging’s zum eigentlichen Thema. „Das Jahr 1989 war ein unendlicher Glücksfall“, sagte Diepgen: „Einer hat sich verquatscht, und ein anderer hat nicht recht gewusst, was er tat.“ Schabowski und Gorbatschow gemeinsam als Maueröffner.

Er sprach auch von den Vorbehalten befreundeter europäischer Staaten gegenüber einer Wiedervereinigung und vom 3. Oktober, der als Tag der deutschen Einheit nicht passe, weil nichts passierte. Da hätte es bessere gegeben, den 7. oder 8. Oktober den Tagen der Groß-Demo in Leipzig. Oder der 9. November, als die Mauer fiel. Aber dieses Datum sei in der deutschen Geschichte so vorbelastet, „dass wir uns gar nicht recht zu freuen trauen“.

Auch 25 Jahre danach sei noch nicht alles im Lot. So halte er es „für unerträglich“, dass es noch immer unterschiedliche Renten für Ost und West gebe, „Renten, die an den Grenzen von Jalta festgemacht werden.“

Von Norbert Müller

Fotos vom Neujahrsempfang

Neujahrsempfang in der Wolfhager Stadthalle

Quelle: HNA

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