Walter Merle legt Band über Kellerwalddorf vor: Zahlreiche Zeugen ihrer Zeit berichten

Unermüdlich ans Ziel

Das ist es: Autor Walter Merle mit seinem Buch „400 Jahre Hüttengeschichte“. Foto: Diehl

SCHÖNSTEIN. „Vor Weihnachten schlachteten die Bauern des Dorfes innerhalb weniger Tage für die Feiertage und die gesamte Weihnachtszeit. Dort war es alter Brauch, dass die Kinder abends mit Milchkannen von Haus zu Haus gingen, Gedichte und Lieder vortrugen. Die Bäuerinnen bedankten sich dafür mit der berühmten ‚Wurschtesupp’, die oft mit Fleisch- oder Speckstücken angereichert war. Wir Flüchtlingskinder wurden nicht ausgeschlossen. So brachten wir unseren Familien heiß begehrte zusätzliche Mahlzeiten nach Hause, die nächsten Tage wurden so zu Festtagen.“

Über 1000 befragt

Es sind nicht nur Kindheitserinnerungen wie diese von Dr. Wilhelm Suden, die das Buch „400 Jahre Hüttenschichte“ von Walter Merle so lesenswert machen. Über 1000 Personen, die in Schönstein gelebt haben und teils heute noch leben, beschreibt der Autor in dem Buch. Zahlreiche Zeitgenossen haben für diesen Band ihre Erinnerungen und persönlichen Überlieferungen ihrer Vorfahren aufgeschrieben. Wer mit etwas Muße in dem anekdotenreichen Band schmökert, erfährt auf anschauliche Weise Geschichte(n) hautnah.

30 Jahre Arbeit

Gut Ding will Weile haben, die Redensart trifft auf das Werk zu: Nach knapp 30 Jahren freut sich der Autor, 88 und rüstig, das Werk in gebundener Form in den Händen halten zu können, allen Zweiflern zum Trotz: „Manche glaubten nicht mehr daran, dass es überhaupt fertig wird.“

Merle hat auf unermüdliche Weise und in beispielloser Akribie Erinnerungen gesammelt, Kuriositäten zusammen gefügt und mit einem wissenschaftlichen Computersystem für die Nachwelt festgehalten. Stringent alphabetisch geordnet und mit einem ausführlichen Namens-, Titel-, Orts- und allein 2663 Fußnoten umfassenden Quellenverzeichnis versehen, gibt der Band einen umfangreichen Überblick über die Zeugen ihrer Zeit. Zahlreiche Querverweise erlauben es beim Lesen, in der Historie vor- und zurück zu gehen und Verbindungen zu erkennen, die weit über Schönstein hinaus gehen.

Merle hat weder Wege noch Mühe gescheut, ehemalige Schönsteiner ausfindig zu machen oder Zeugnissen der Ortsgeschichte nachzugehen.

Ahnenforscher

Der passionierte Ahnenforscher, der 80 Jahre in Schönstein gelebt hat und vor einiger Zeit nach Cappel in die Nähe seiner Tochter umgezogen ist, hat sich zeitlebens für die Menschen und die Geschichte seines Heimatdorfes interessiert. „Ich hatte das Gefühl, die Leute wissen gar nicht, wo sie herkommen“, so der ehemalige Prokurist über seine Motivation.

Einige Schönsteiner hätten sich beispielsweise vor vielen Jahren gewundert, warum Schönstein keinen eigenen Wald besitze. Dabei sei das Dorf erst 1843 als eigene Gemeinde entstanden, benannt nach der nahe gelegenen Burgruine Schönstein, aus einer kleinen Siedlung um die Rommershäuser Hütte, die 1616 Landgraf Moritz von Hessen errichten ließ.

Von Kerstin Diehl

Quelle: HNA

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