Jüdin war ausgewandert

Amerikaner auf den Spuren seiner ausgewanderten Großmutter

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Verständigung und Achtung: Peter Jöckel (links) und Bürgermeister Klemens Olbrich (rechts) begrüßten Josh Israels und Benedikta Unterecker im Rathaus.

Neukirchen. Paulina hieß Josh Israels Großmutter. Man sagte, sie sei die schönste junge Frau in Neukirchen gewesen. Das war in den 1930er Jahren. Mit 22 Jahren kehrte sie Europa für immer den Rücken, übersiedelte mit ihrem Bruder und ihrer Schwägerin in die USA.

Aber ihre Söhne kamen später zu Besuch zurück. Und jetzt eben ihr Enkel Josh. Im Rathaus wurde der 36-Jährige von Bürgermeister Klemens Olbrich begrüßt und studierte das Gästebuch des Kneipp-Heilbades.

Begleitet wurde er von Peter Jöckel, der auch schon die erste Generation von Nachfahren der Familie Spier (heute Spear) in Neukirchen empfing. "Für mich war es immer wichtig zu wissen, dass die Spiers es geschafft hatten, sich eine neue Existenz aufzubauen."

Peter Jöckels Vater Heinrich hatte das Geschäfts- und Wohnhaus der Spiers 1936 gekauft und den Laden weitergeführt. Gründer Siegmund Spiers, der aus Schrecksbach stammte, bot in der Kurhessenstraße 51, heute Karwacki, Trachtenstoffe, Trachtenzubehör und Bekleidung an. Das Grab von Siegmund Spiers ist noch auf dem Friedhof in Neukirchen zu finden. Josh Israels legte jetzt dort einen Stein ab, wie es in der jüdischen Kultur Brauch ist.

Auch das Haus seines Urgroßvaters und seiner Großmutter in der Fußgängerzone besuchte der Californier selbstverständlich. Just vor diesem Haus, das die jüdische Familie verkaufen musste, um nach Amerika entkommen zu können, werden im November die ersten drei Stolpersteine Neukirchens verlegt (siehe Hintergrund). Damit erreicht das bekannte Gedenk-Projekt des Künstlers Gunter Demnig zur Erinnerung an die Opfer der NS-Zeit das Kneippheilbad. In über 500 Orten in Deutschland und Europa finden sich die in den Boden eingelassenen Messingblöckchen schon, auch in mehren Gemeinden im Schwalm-Eder-Kreis.

Josh Israels, der mit seiner Freundin Benedikta Unterecker derzeit eine Europareise unternimmt, war es einfach wichtig, einmal selbst vor dem Haus zu stehen, von dem ihm seine Großmutter oft erzählte. "Ich habe so viele Geschichten aus dem Laden gehört", sagte Israels, "es ist ein großes Glück für mich, ihn jetzt einmal zu sehen." Andererseits sei er natürlich bedrückt über die Ereignisse und er vermisse seine Großmutter, die 2010 im Alter von 94 Jahren starb. Aber er sei auch dankbar, dass es Leute wie Peter Jöckel gibt, die den Kontakt erhalten. Für den Neukirchener ist das selbstverständlich. "Seit den 70er Jahren, als ich das Geschäft von meinem Vater übernahm, pflege ich die Verbindung zur Familie Spears", sagte Peter Jöckel. In Zeiten des Internets sei der Austausch eher noch intensiver geworden. Die gemeinsamen Besuche der Gräber, sowohl der der Spiers, als auch der der Jöckels, seien mehr als ein "symbol of understanding and respect", Verständigung und gegenseitiger Achtung.

Von Anne Quehl

Quelle: HNA

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