Das HNA-Geschichtsbuch: Vor 70 Jahren wurde das Stalag IXA Ziegenhain von der 6. US-Panzerdivision befreit

US-Panzer walzten Zaun nieder

Erinnerung mit Hakenkreuz: Das Foto zeigt drei US-Amerikaner, die nach ihrer Befreiung am 30. März 1945 vor einer der Baracken mit einer Naziflagge posieren. Aus dem Motiv wurde eine Grußkarte.

Schwalm. Am 29. März 1945 gegen 13 Uhr verließ der Kommandant des Stalag IX A Ziegenhain, Oberst Mangelsdorf, das Lager im heutigen Trutzhain mit sämtlichen marschfähigen Kriegsgefangenen sowie dem deutschen Bewachungspersonal. Die amerikanischen Gefangenen, voller Angst, sie würden diesen Todesmarsch nicht überleben, hatten den Boykott verabredet.

Der damals 20-jährige Richard Peterson berichtet: „Wir verzögerten das Aufstehen aus den Betten zum Appell so lange wie möglich. Als wir herumliefen, um den Vorgang zu verlangsamen, stürmten Wachen mit Hunden in die Baracke. Die Hunde knurrten und schnappten, als die Wachen uns anschrieen. Wir rannten raus und versuchten, so den scharfen Zähnen der großen Tiere zu entgehen. Dann traten wir draußen zur letzten Zählung an, bevor wir uns die Straße hinunter zum Tor in Bewegung setzen sollten. Einige Männer versteckten sich unter der Baracke oder in den Latrinen. Das Durcheinander würde das Fehl in der Zählung verdecken. Offensichtlich machten sich die Deutschen an diesem Morgen nicht viel aus einer genauen Zählung. Die Franzosen marschierten vor uns heraus. Als der Befehl zum Marsch kam, gingen wir nur einige Schritte, bevor Männer in wirklicher oder vorgetäuschter Schwäche in Ohnmacht fielen. Ich tat es ihnen gleich, stöhnte und fiel etwa hundert Yards [Yard: knapp 1 Meter] von der Baracke entfernt in den Matsch. Die Wachen liefen schreiend auf und ab und traten die auf dem Boden Liegenden. Die Hunde bellten und knurrten. Wir klagten lauter. Einige hatten Seife in den Mund genommen, um Schaum zu machen. Wir griffen uns an den Bauch und schrieen unseren Schmerz hinaus. Die Möglichkeit, einen Kopfschuss zu erhalten, intensivierte unser Geschrei. Die von den Hunden Gebissenen jammerten. Nach einiger Zeit, was uns wie eine Ewigkeit vorkam, stoppte die Kolonne und stolperte zurück in die Baracke. Wir hofften, dass unser letzter Alptraum beendet sei.“

So verblieben rund 4500 Kriegsgefangene aller Nationalitäten im Lager und erlebten am nächsten Tag, Karfreitag, den 30. März 1945, gegen 15 Uhr ihre Befreiung durch die 6. amerikanische Panzerdivision. Da das Lagertor nicht geöffnet war, fuhr der erste Panzer mitten durch den Zaun.

Der Gefangene Russell Gunvalson notierte: „Wir waren natürlich alle auf den Beinen, um sie zu begrüßen. Jeder haute dem anderen auf die Schulter. Die Yanks waren da! Wir waren frei! Wir schrieen und lachten, es war eine Freude, frei zu sein.“

Von Bernd Lindenthal

Quelle: HNA

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