Varietékünstler zu Gast in Großenenglis

Dorf statt Betonbunker

Internationale Gäste: Der aus Großenenglis stammende Zauberkünstler Horst Lohr alias Juno (von links) mit seinen Künstlerkollegen Craig van Deventer, Kelly Gonzales, Markus Schimpp, Lena Köhn und Christian Harel (Duo Double Take). Foto: Lohr

Großenenglis. Der Sänger und Musiker Markus Schimpp war froh, dass er die vergangenen zwei Monate in einer ungewöhnlichen WG in Großenenglis verbracht hat.

Normalerweise, so witzelte Markus Schimpp am Montag auf der Bunten Bühne im Borkener Stadtteil, werden Künstler wie er tagsüber in „Betonbunkern“ eingesperrt, wenn sie abends in Varietés das Großstadt-Publikum unterhalten.

Schimpp hingegen, der aus der Nähe von Augsburg stammt, erst in Berlin lebte und nun in Bonn zuhause ist, hat in Großenenglis eine Reise in seine Kindheit unternommen. Die Gerüche und Geräusche erinnerten ihn an seine Heimat auf dem Land in Schwaben. Am Montag brachte er mit fünf internationalen Kollegen den Duft der großen, weiten Varieté-Welt in das 1100-Seelen-Dorf. Zum zweiten Mal gastierten Künstler des Kasseler Starclubs im ehemaligen Raiffeisenlager, das der Theaterverein zu seiner Spielstätte umgebaut hat. Schon die Premiere im Oktober 2011 war ein Erfolg. Auch nun verkaufte Bunte-Bühne-Vorsitzender Horst Simmen innerhalb weniger Tage alle 120 Karten.

Idee des Zauberers

Die Idee zu dem ungewöhnlichen Gastspiel am Ende des Kasseler Programms hatte der aus Großenenglis stammende Zauberkünstler Horst Lohr. Als Juno ist der Wahl-Marburger seit drei Jahrzehnten eine Marke im Variete-Geschäft. Wenn er im Starclub engagiert ist, richtet er für seine Kollegen eine Künstler-WG in seinem nur 35 Kilometer entfernten Elternhaus ein. Jongleure wie der Kanadier Christian Harel üben dann im Wohnzimmer, das einmal ein Edeka-Laden war, oder entspannen einfach. „Es ist eine tolle Landschaft hier“, sagt der Mann aus Montreal.

Auf der Bunten Bühne jonglierte er mit seiner Partnerin Lena Köhn im Dunkeln leuchtende Neonbälle. Moderator Schimpp sang reizende Liebes-Chansons von Georg Kreisler, der südafrikanische Handstandakrobat Craig van Deventer bewies, dass er auch mit dem Kopf ein Könner ist und lernte innerhalb einer Minute 20 Begriffe auswendig, und der wie immer hinreißende Juno ließ das Publikum staunen, indem er Schlüssel und Messer mit viel Witz verschwinden ließ. Höhepunkt war der Auftritt der mexikanischen Lasso-Artistin Kelly Gonzales, die den neuen Ortsvorsteher Günther Beisheim zum Held des Abends werden ließ: Mit knallenden Peitschenhieben halbierte sie einen Strohhalm, den der SPD-Politiker im Mund stecken hatte.

Vielleicht bald Tradition

Am Ende war es schwer zu sagen, wem was mehr gefallen hatte: dem Publikum die zweistündige Show oder den Künstler das Dorf. Moderator Schimpp kündigte schon mal an, dass er mit seinen Kollegen das seit Jahren leer stehende Amtshaus kaufen und renovieren wolle: „Und dann geht es ab hier.“ So weit wird es nicht kommen, aber ein Wiedersehen ist nicht ausgeschlossen. Vielleicht wird das Varieté auf dem Dorf zur Tradition.

Von Matthias Lohr

Quelle: HNA

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