Mutmaßlicher Spielautomatenknacker

Verhandlung geplatzt: Angeklagter präsentiert Zwillingsbruder

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Überraschende Wende vor Gericht: Spielautomatenknacker präsentierte seinen Zwilling. Die Verhandlung musste vertagt werden. Im Bild ist ein Spielhalle in Australien zu sehen.

Guxhagen. Ein Überraschungsei. So nannte Verteidiger Horst Dieter Stubbe, was er am Donnerstag beim Prozessauftakt gegen einen mutmaßlichen reisenden Spielautomatenknacker vor dem Kasseler Amtsgericht hervorzauberte.

Und das Wort hätte nicht treffender gewählt sein können: Der Bremer Rechtsanwalt präsentierte Fotos, auf denen der Angeklagte mit seinem eineiigen Zwillingsbruder zu sehen ist. Der ihm gleicht wie ein Ei dem anderen, mindestens.

"Auch ihre Mutter", sagte Stubbe, "kann die beiden seltenst unterscheiden." Die Überraschung war gelungen. Und sie sorgte dafür, dass der Prozess erst einmal ausgesetzt wurde. Denn einziges Beweismittel gegen den 63 Jahre alten Angeklagten, der vor Gericht schweigt, sind Bilder aus Überwachungskameras. Wer darauf wirklich zu sehen ist, wollte jetzt so schnell niemand mehr entscheiden.

Sicher scheint allein: Am 23. September 2012 wurde der Beschuldigte auf dem Autobahnrasthof in Guxhagen festgenommen, nachdem sein Begleiter (der bis heute unbekannt geblieben ist) versucht hatte, einen Geldspielautomaten aufzubrechen.

Eine Angestellte war sich sicher, in dem Duo die beiden Diebe wiedererkannt zu haben, die rund eine Woche zuvor gleich mehrfach die Spielhalle des Autohofs heimgesucht hatten - und das sehr erfolgreich.

Von "arbeitsteiligem Zusammenwirken" ist in der Anklage die Rede: Die Männer hätten vorgetäuscht, an den Automaten zu spielen. Dabei habe der 63-Jährige den Blick auf seinen Mittäter verstellt, während der die Spielgeräte aufgebrochen und Geld herausgeholt habe. Nicht nur in Guxhagen sollen die Täter damit erfolgreich gewesen, sondern auch an Rasthöfen in Lohfelden, Malsfeld und im schwäbischen Denkendorf. Gesamtbeute: mehr als 16.000 Euro.

Sämtliche Überwachungsvideos zeigen einen Mann, der dem Angeklagten zweifellos äußerst ähnlich sieht. Um sich die Identität auch wissenschaftlich bestätigen zu lassen, hatte das Gericht sogar eine anthropologische Sachverständige beauftragt - die aber nach der Zwillingsüberraschung die Waffen strecken musste. Etwas rundlicher als sein Bruder sei der Angeklagte, befand Kerstin Kreutz nach ausgiebigem Fotostudium, sein Schädel sei fließender, sein Kinn leicht zurückgezogen. "Aber sie sind sich hochgradig ähnlich, keine Frage."

Dass auf den Videobildern theoretisch auch der Bruder zu sehen sein könnte, wolle sie nicht ausschließen, sagte die Anthropologin. Zumindest nicht, solange sie ihn nicht persönlich zu Gesicht bekommen habe. Das Gericht beschloss daraufhin, die Polizei mit der Suche nach dem Zwilling zu beauftragen - weil der Angeklagte auch auf die Frage nach Namen und Adresse seines Doppelgängers stumm blieb.

Einen neuen Prozesstermin gibt es noch nicht. (jft)

Quelle: HNA

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