Große Verunsicherung: E10 wird im Schwalm-Eder-Kreis weiter kaum getankt

Autofahrer fürchten Schäden am Fahrzeug: An Claudia Riemenschneiders Honsel-Tankstelle in Melsungen greifen nur wenige zum Biosprit E-10. Foto:  Lammel

Schwalm-Eder. Ein Jahr nach der Einführung des Kraftstoffs E10 herrscht bei Autofahrern im Landkreis weiterhin große Skepsis. Bei Tankstellen und Kfz-Betrieben spielt der Biosprit daher nur eine untergeordnete Rolle.

„Das liegt an der schlechten Aufklärung der Kunden zu Beginn der Einführung", sagt Uwe Schulz, Obermeister der Kfz-Innung in Ziegenhain. Erst durch Automobil-Verbände wie den ADAC sowie durch die Medien seien Benzin-Verbraucher allmählich über den neuen Kraftstoff mit zehn Prozent Bioethanol-Anteil informiert worden.

Doch die Verunsicherung hält bis heute an. Der Verkaufsanteil von E 10 an Tankstellen im Landkreis liegt deutlich unter zehn Prozent gegenüber Super-Benzin, wie Tankstellenbetreiber in Melsungen, Fritzlar und Ziegenhain auf HNA-Nachfrage bestätigten.

„Die Aufträge unserer Kunden haben sich durch die Einführung von E 10 nicht verändert", erklärt Schulz. Zwar achteten die meisten Kunden beim Autokauf darauf, ein sparsames Modell auszuwählen. „Bei den umweltschonenderen Kraftstoffen ist Autogas aber wesentlich gefragter als Benzin mit Bioethanol." Von durch E 10 verursachten Schäden am Fahrzeug habe er im Umfeld seines Kfz-Betriebs in Frielendorf bislang nicht gehört.

„Es ist ja nur ein kleiner Teil der Fahrzeuge, der kein E 10 verträgt", erklärt Rudi Hupfeld, Obermeister der Kfz-Innung Melsungen. Für die Kunden sei die E-10-Verträglichkeit bei der Anschaffung von Neuwagen daher nicht kaufentscheidend. Über Schäden durch den Biosprit lagen Hupfeld ebenfalls keine Informationen vor.

„E 10 betrifft die Kfz-Branche nicht, weil es vom Kunden schlicht nicht angenommen wird", so Hupfelds Fazit. „Reine Elektrofahrzeuge werden den Betrieb stärker beeinflussen."

Nach Angaben der Öl-Konzerne greifen ein Jahr nach Einführung des Kraftstoffes Super E-10 immer mehr Kunden zum Bio-Sprit. 20 Prozent der Benzinkunden an Shell-Tankstellen tanken nach Konzernmitteilung E-10, bei Aral sollen es 15 bis 20 Prozent sein. Tankstellenbetreiber im Schwalm-Eder-Kreis können diese Einschätzung allerdings nicht bestätigen.

Nur wenige Kunden greifen an der Aral-Tankstelle an der Fritzlarer Straße in Melsungen zum neuen Bio-Sprit. „Fünf Prozent der Benzinkunden, maximal“, sagt Betreiber Wolfram Pieschek. Er ist sich sicher: „Das liegt an der Verunsicherung der Autofahrer.“

Keine klaren Ansagen

Wenn es für die Kunden keine klaren Ansagen gäbe, welches Fahrzeug problemlos E-10 tanken könne, sei die geringe Nachfrage keine Überraschung. „Leider fragen die Kunden bei uns nur selten nach“, sagt Pieschek, an dessen Tankstelle sich Autofahrer informieren können, ob ihr Fahrzeug E-10 verträgt.

Dass das Benzin mit zehn Prozent Bioethanol-Anteil den Motor zerstören könne, sei nur ein unbestätigtes Gerücht. „Schläuche oder Gummidichtungen können davon unter Umständen angegriffen werden, aber der Motor geht nicht gleich kaputt.“

Laut Pieschek hätte E-10 das Super-Benzin vollständig ablösen müssen. „Wir haben den gleichen Unsinn doch schon vor Jahren mitmachen müssen, als es kein verbleites Benzin mehr gab.“ Als dieser Kraftstoff vom Markt war, seien die Kunden auch direkt auf Unverbleit umgestiegen.

Ebenfalls nur fünf Prozent der Benzinkunden greifen an der BFT-Tankstelle von Rafet Kurnaz in Ziegenhain zum Biosprit. Seit September 2011 bietet er E 10 an seinen Zapfsäulen an.

Verantwortlich für Schäden

„Beraten können wir unsere Kunden aber nicht“, sagt Kurnaz. „Unsere Mitarbeiter können nicht für jedes einzelne Automodell wissen, ob es E 10 verträgt.“ Bei Fehlinformationen könne im schlimmsten Fall die Tankstelle für Schäden verantwortlich gemacht werden. Obwohl Kurnaz noch nicht von Schäden gehört habe. „Super hat fünf Prozent, E 10 nun zehn Prozent Bioethanol, der Unterschied wurde unnötig dramatisiert.“

Die Melsunger Honsel-Tankstelle von Betreiberin Claudia Riemenschneider legt ihren Kunde eine Liste der Fahrzeugmodelle, die E 10 tanken können, vor. Das ändert jedoch nichts an der schlechten Nachfrage: „Seit wir E 10 im Angebot haben, tanken deutlich weniger als zehn Prozent der Kunden den neuen Kraftstoff.“

Selbst auf diesen Listen seien aber nicht alle Automodelle gelistet, kritisiert Thomas Missing, Betreiber der Aral-Tankstelle an der Gießener Straße in Fritzlar. „Daher empfehlen wir unseren Kunden, sich an ihren Automobilhersteller zu wenden, um sicherzugehen.“

Die Verunsicherung der Autofahrer mache sich auch an seiner Tankstelle bemerkbar. „Ein Verkaufsanteil von zehn Prozent ist nicht realistisch, wenn es denn überhaupt fünf Prozent sind.“

Von Sebastian Lammel

Quelle: HNA

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