Eigentümerin verweigert Zutritt zu Elternhaus

Holocaust-Überlebender besucht Heimatstadt Wolfhagen

Kein Zutritt: Lutz Kann mit seiner Ehefrau Sonja vor dem Elternhaus an der Wolfhager Mittelstraße. Die Tür blieb für den aus Wolfhagen stammenden Juden verschlossen. Foto:  Norbert Müller

Wolfhagen. Im Haus Mittelstraße in Wolfhagen wuchs er auf, nach langer Zeit besucht er nun seine Heimatstadt: Lutz Kann. Doch die Eigentümerin seines Elternhauses verweigert ihm den Zutritt.

„Wenn ich den Kirchturm sehe, dann spüre ich das Heimweh“, sagt Lutz Kann. Am Turm von St. Anna erkennt er schon aus der Ferne seine Stadt: Wolfhagen. Kann, inzwischen 89 Jahre alt, ist noch bis Sonntag zu Besuch und viel unterwegs in den Straßen, in denen er als Kind mit seinen Freunden spielte, in denen er glücklich war. Bis die Nazis kamen.

Im Haus Mittelstraße 6 wuchs er auf. Vor seinem Elternhaus steht er auch heute wieder - die Gedanken bei den Eltern. Der Vater betrieb hier ein Schuhgeschäft. Als der braune Mob im November 1938 auch in Wolfhagen tobte, die Synagoge anzündete, die Häuser der Juden plünderte, war Lutz Kann in Köln.

Ausreise nach Palästina

Er hatte sich einer zionistischen Organisation angeschlossen, die jungen Juden zur Ausreise nach Palästina verhalf. Lutz Kann emigrierte Ende Januar 1939 über Triest nach Palästina, seine Schwester war schon vier Wochen zuvor mit einem Kindertransport nach Holland und von dort nach Palästina ausgereist. Sie lebt noch heute in Israel.

Eltern starben im Lager

Die Eltern, die inzwischen in Kassel untergekommen waren, kamen Mitte Februar noch einmal zurück nach Wolfhagen. Unter massivem Druck mussten sie ihr Haus verkaufen. 1941 wurden Kanns Eltern mit dem ersten großen Transport von Kassel aus ins Vernichtungslager nach Riga gebracht. „Bis heute weiß ich nicht, wie sie umgekommen sind“, sagt er.

„Man kann Menschen aus ihrer Heimat vertreiben, aber man kann die Heimat nicht aus den Herzen der Menschen vertreiben.“

Als Lutz Kann 1945 im Dienst der britischen Armee in Holland war, nahm er sich Urlaub, es zog ihn in seine Heimat, nach Wolfhagen. Ein letztes Mal betrat er damals sein Elternhaus. „Ich hab sogar noch die Nägel gesehen, an die mein Vater die Würste zum Räuchern aufhing“, erinnert er sich.

Im gleichen Jahr stellte er einen Antrag, um das Haus zurück zu bekommen. Statt der Immobilie gab es später eine überschaubare Ausgleichszahlung.

Gerne würde er noch einmal einen Blick in sein Elternhaus werfen. Die neuen Besitzer sind daran nicht interessiert. „Ich weiß, dass er wieder hier ist“, sagt am Mittwoch die betagte Eigentümerin. Und: „Ich will damit nichts mehr zu tun haben. Ich will ihn nicht mehr ins Haus lassen.“

Kann hegt keinen Groll, sagt: „Ich hätte mich gefreut, wenn mir die Tür aufgemacht worden wäre.“ Ihm geht es um Versöhnung, ohne dabei das Geschehene, das Unfassbare der Nazi-Zeit zu vergessen. Der 89-Jährige, der 1968 von Israel nach Berlin übersiedelte, spricht oft vor Schulklassen, erinnert und mahnt.

Und er hat einen Wunsch: An seinem Elternhaus möge einst eine Tafel angebracht werden, die an Siegmund und Berta Kann, an Vater und Mutter, erinnert. Eine Tafel wie am Haus der Familie Block in der Torstraße und der Familie Möllerich in der Schützeberger Straße. Sie wäre, sagt der heimatverbundene Lutz Kann, „für beide Seiten ein Zeichen der Versöhnung“.

Von Norbert Müller

Quelle: HNA

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