Letzter jüdischer Mitbürger Wolfhagens enthüllt Gedenktafel

Bewegende Worte: Peter Soltau (rechts) erinnerte an die jüdische Familie Kann, deren einziger Überlebender Ludwig Kann gemeinsam mit Ehefrau Sonja zur Gedenkfeier nach Wolfhagen gekommen war. Dahinter Bürgermeister Reinhard Schaake mit Dorothy Lau, heutige Besitzerin von Kanns Elternhaus Mittelstraße 6 und Lebensgefährte Holger Siebert. Fotos:  Hoffmann

Wolfhagen. Es ist noch gar nicht lange her, als Ludwig Kann im Gespräch mit unserer Zeitung von seinem großen Wunsch erzählt hat: Als „Zeichen der Versöhnung“ möge an seinem Elternhaus Mittelstraße 6 eine Tafel angebracht werden, die an seine Eltern Siegmund und Berta Kann erinnert.

Eine Tafel wie am Haus der Familie Block in der Torstraße und der Familie Möllerich in der Schützeberger Straße. Jetzt ist Ludwig Kanns Wunsch wahr geworden. Kurz nach seinem 90. Geburtstag ist er als letztes in Deutschland lebendes Mitglied der jüdischen Gemeinde Wolfhagens am Freitag zurück in seine alte Heimat gekommen, um im Rahmen der Gedenkfeier zur Pogromnacht das gläserne Schild zu enthüllen: „Hier wohnten Siegmund Kann, seine Ehefrau Bertha und ihre Kinder Lutz und Anneliese. Sie waren alteingesessene Bürger jüdischen Glaubens. Am 9. Dezember 1941 wurden die Eltern nach Riga deportiert und sind dort unter ungeklärten Umständen umgekommen. Ihre Kinder konnten bereits 1939 mit Hilfe einer zionistischen Jugendbewegung nach Palästina entkommen. Die Bürgerinnen und Bürger Wolfhagens.“

Es sind wenige Worte, die dem Schicksal von Lutz, wie Ludwig Kann gerufen wird, seiner Eltern und der Schwester kaum gerecht werden können. Doch aber „ehrt es die Familie und damit die gesamte vernichtete jüdische Gemeinde“, wie Peter Soltau in seiner bewegenden Rede sagte.

Soltau, der Kann 1988 auf Vermittlung des Wolfhager Heimatforschers Wilhelm Winter kennengelernt hatte, fasste die Geschichte der jüdischen Schuhhändler-Familie nicht nur für die Teilnehmer der Gedenkfeier eindrucksvoll zusammen, sondern auch für alle zum Nachlesen im Jahrbuch des Landkreises.

Kann habe seiner Heimatstadt trotz aller bitterer Erfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus immer wieder die Hand zur Versöhnung gereicht. Dabei sei es ihm stets um eine zukunftsorientierte Sichtweise gegangen. „Aus der Vergangenheit lernen heißt für dich, junge Menschen für eine lebendige, tolerante, aktiv gelebte Alltagsdemokratie zu gewinnen“, so Soltau.

Ludwig Kann, der heute in Berlin lebt, habe sich als Zeitzeuge bis an den Rand seiner Kraft engagiert, um das Geschehene dem Vergessen zu entreißen. „Versöhnung aus der Erinnerung heraus ist möglich“, sagte Soltau und unterstreicht damit die Wichtigkeit des Gedenkens an die Ereignisse rund um die Pogrome von 1938 gegen die jüdische Minderheit, die den Auftakt bildeten für die Vernichtung des jüdischen Volkes.

„Ich möchte euch bitten, lasst etwas solch Grausames wie damals nie wieder geschehen“, mahnte Ludwig Kann sichtlich bewegt, dem am Tag darauf ein weiterer Herzenswunsch erfüllt wurde. Dorothy Lau hieß ihn willkommen in seinem Elternhaus. Die heutige Besitzerin ermöglichte ihm so die langersehnte Rückkehr nach Hause, auf die er über 70 Jahre hatte warten müssen.

Von Sascha Hoffmanmn

Quelle: HNA

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