Spiel um den Reformator in der Stadthalle: Tosender Beifall für „Play Luther“

Spiel um den Reformator in der Stadthalle: So vielfältig ist Luther

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Variabel, lebendig, unterhaltsam: Die Schauspieler Florian Beyerbach (links) und Lukas Ullrich beeindruckten bei „Play Luther“ in der Stadthalle mit ihrer zeitgemäßen Auseinandersetzung mit dem Reformator und seinem Wirken. Das Bühnenbild: Dreiecke, die vielfache Bedeutung erlangen.

Homberg. Wie bringt man das Leben und Wirken Martin Luthers nach 500 Jahren auf die Bühne, entstaubt, lebendig und zeigt dabei die Auswirkungen bis in unsere Zeit?

Den beiden Schauspielern Lukas Ullrich und Till Florian Beyerbach aus Stuttgart gelang dies in der Homberger Stadthalle am Donnerstag auf spannende, unterhaltsame und vielschichtige Weise.

Das Bühnenbild: schlicht, Holzdreiecke als Synonym für die Dreifaltigkeit und die 95 Thesen. Sie sind Beichtstuhl, Zelle, sakraler Raum, am Ende ein Dach, Symbol für die sich verändernde, sich selbst tragende Gesellschaft.

Die Geschichte wird von Ullrich und Beyerbach dicht, innig, drängend gespielt. Sie sind Sprecher, Spieler, Techniker, Musiker. Luther ist mal der Eine, mal der Andere. Sie schlüpfen ständig in verschiedene Rollen. Und um die Reize verarbeiten zu können, gönnen sie den Besuchern Pausen – in denen sie ausgewählte Lieder des Reformators interpretieren, mit Klavier und Schlagzeug, modern, in verschiedenen Musikstilen – mal als Sprechgesang, mal bayerisch angehaucht, mal gesungen.

Auf zwei Ebenen

Auf zwei Ebenen, der biografischen und der zeitgeschichtlichen, bewegt sich das Stück: Da ist Luther, aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen, der sich von einem furchtsamen, suchenden zum redegewaltigen, überzeugenden Mann entwickelt. Da sind die Debatten um gesellschaftliche Veränderungen, die Veränderungen in der Institution Kirche, an der man sich reibt. Die Sprache ist dabei zugespitzt, deftig, ohne Blatt vor dem Mund. Es gibt Zuspitzungen, Sarkasmus, aber nie nur Schwarz-Weiß, sondern mit vielen Grautönen.

Die beiden Darsteller finden immer wieder den Bezug von Luther zur Gegenwart, vergleichen den Reformator mit Mark Zuckerberg: Stand damals die Druckkunst zur Verbreitung zur Verfügung, ist es heute das Internet.

Luther wird als Schöpfer der deutschen Dichtkunst vorgestellt, seine kunstvolle, bildhafte Sprache in der ersten Bibelübersetzung gilt bis heute als einzigartig. Viele bis heute gebräuchliche Sprüche entstammen seiner Feder.

Seine 95 Thesen lösten eine Revolution aus, die bis heute wirkt. Aber auch Krieg und Kämpfe lösten seine Schriften aus, was bei ihm, der damals auf der Wartburg gefangen war, Entsetzten bewirkte. Er, der sicher war, „Allein die Gnade erlöst uns“, konnte die Kämpfe erst beenden, als er nach Wittenberg zurück kam.

Seine späteren Schriften zur Ausrottung des Judentums: Liegen da die Grundlagen für das Handeln der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg? Hätte er die Moslems auch so bekämpft? Es bleiben viele Fragen offen, das Publikum soll zum Nachdenken angeregt werden.

Die Holzdreiecke, am Ende zu einem Dach verbaut, strahlen zum letzten Lied „Mit Fried‘ und Freud‘ ich fahr dahin“ in rot, blau und gelb. Eine Antwort geben die beiden Spieler in den Raum: „Wenn du glaubst, stehst du unter der Gnade des Herrn.“ Lange Stille, die in tosenden, lang anhaltenden Applaus mündete.

Von Agnes Dürr

Quelle: HNA

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