Vitamin C in roter Wurst

Lebensmittelchemiker Udo Pollmer über den Streit um die richtige Ernährung

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Wurst oder nicht: Diese Frage stellte sich am Montagabend im Bürgersaal in Gudensberg. Zu Gast war der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer (rechts) mit einem Vortrag zum Thema Fleischkonsum und Vegetarismus. Links im Bild Erster Stadtrat Walter Berle.

Gudensberg. „Heute geht es um die Wurst." So begrüßte Stadtrat Walter Berle die Gäste und den Referenten Udo Pollmer am Montagabend im Bürgerhaus Gudensberg. Pollmer hatte die Kontroverse „Fleischkonsum oder Vegetarismus" zum Thema - und dazu hatte der Lebensmittelchemiker einiges zu sagen.

Es solle kein medizinischer Vortrag werden, sagte Pollmer, und doch war es seine Intention, den Zuhörern zu zeigen, dass weder die fleischhaltige noch die fleischlose Ernährung gleichzusetzen sei mit den Attributen „gesund“ oder „ungesund“.

Fast jeder habe wohl schon einmal irgendwo die grundlegende Empfehlung gehört: „Das dürfen Sie nicht essen.“ Dabei sei es doch verwunderlich, dass dieser Satz - einmal für ein Lebensmittel ausgesprochen - keine langlebige Gültigkeit aufweise; heute gültig, morgen wieder aufgehoben, je nachdem, wie die Wissenschaft oder die Lebensmittelindustrie es brauche.

Machen Nudeln dick?

Das könne man auch im Vergleich mit anderen Ländern beobachten. Während zum Beispiel Kinder in Italien durch Nudeln und Pizza groß und stark würden, weise die gleiche Ernährungsart in Deutschland eine vermeintlich ganz andere Auswirkung auf: hier würden die Kinder davon dick, sagte Pollmer.

„Es muss uns allen klar sein, dass nichts, was wir essen, noch natürlich ist.“

Es sei so einfach, den Konsumenten davon zu überzeugen, dass ein Lebensmittel für alle Menschen gleichermaßen gut oder schlecht sei. Die Medien spielten bei dieser Einflussnahme ebenfalls eine große Rolle, so Pollmer.

Hieße es beispielsweise, grüner Salat sei gesund, weil er viel Vitamin C enthalte, dann glaube das der Verbraucher. Sage man dagegen Wurst sei schlecht, weil sie kein Vitamin C enthalte, bekomme auch diese Aussage schnell allgemeine Gültigkeit.

Tatsächlich, erklärte der Lebensmittelchemiker, enthalte grüner Salat gar kein Vitamin C, wogegen rote Wurst sehr viel davon enthalte, um die rote Farbe zu unterstützen. Es sei also genau anders herum, als man es die Menschen glauben machen wolle.

Der Einfluss der Ernährungswissenschaft auf die Essgewohnheiten spiegelt sich laut Pollmer auch in Nährwerttabellen wider, die man auf Lebensmitteln findet. Oft würden die Kalorienangaben von Lebensmittel, die der Mensch nicht essen solle, heraufgesetzt, oder man hebe die Vitamingehalte von „gesunden“ Lebensmitteln an.

„Essen Sie das, was Ihnen bekommt.“

Befürworter und Gegner der einen oder anderen Ernährungsweise führten aber auch religiöse, moralische oder philosophische Argumente ins feld. Pollmers Vortrag regte auch im Bürgerhaus zu Diskussionen an. Mehrere Zuhörer meldeten sich zu Wort. Pollmers Antwort: „Es muss uns allen klar sein, dass nichts, was wir essen, noch natürlich ist.“ Und egal, ob Wurst oder nicht, Pollmer empfahl allen: „Essen Sie das, was Ihnen bekomm.“

Von Christl Eberlein 

Zur Person

UDO POLLMER wurde 1954 geboren. 1981 erlangte er das Staatsexamen für Lebensmitteltechnik an der Universität München. Er ist seither als selbständiger Wissenschaftsjournalist, Unternehmensberater und Dozent tätig. Zudem ist er Verfasser von Fachbüchern zur Ernährung. 1995 erfolgte seine Ernennung zum wissenschaftlichen Leiter des Europäischen Institutes für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften. Er ist Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung in Oberwesel und entwickelte gemeinsam mit Georg Schwedt das Deutsche Zusatzstoff-Museum in Hamburg. Bekannt geworden ist er auch durch seine kritischen und provokanten Aussagen zu Ernährungsempfehlungen und Diäten. (zen)

Quelle: HNA

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