Ein Abend mit politischem Kabarett, Sprechgesang und den Problemen des Alterns

Wadenbeißer mit Giftzahn

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Gute Unterhaltung: Schrill und grotesk setzte Ulrike Mannel sich in ihrem Programm „Ab Morgen“ mit dem Älterwerden auseinander. Tilman Luckes Rasenmähercharme fiel nicht nur Kanzleramtschef Roland Pofalla zum Opfer.

Melsungen. Bühne frei für die nächste Runde: Auch der zweite Abend des 17. Melsunger Kabarett-Wettbewerbs bot den Besuchern in der ausverkauften Kulturfabrik wieder beste Unterhaltung. Zu Gast waren Ulrike Mannel und Tilman Lucke.

Den Auftakt machte die Kabarettistin Ulrike Mannel. Einen herrlich schrill grotesken Blick auf die Maläste mit der biologischen Uhr warf die proppere Künstlerin in den Ausschnitten ihres Programms „Ab Morgen“.

Wenn das Klimakterium sich anschickt das eigene Leben zum Sparmarkt zu machen, dann ist es höchste Zeit etwas zu ändern, denkt sich die pfundige Übergrößen-Amazone im besten After-Party-Alter. Und was? Zum Beispiel die Einstellung, und so besucht sie erst mal einen Kurs, mit dem Mutmacher-Titel „Wechseljahre, ich freu mich auf dich“. Auch andere Problemfelder werden umgerüstet. Die Figur. Verstecken? Weil man ein gewisses Alter hat? Nein, ins Schaufenster erotischer Bekleidung damit und dann noch eine Schippe draufgelegt: Bauchtanz mit tiefem Ausschnitt.

Tilman Luckes Rasenmähercharme fiel nicht nur Kanzleramtschef Roland Pofalla zum Opfer.

Perfekt wird das Ganze, wenn man ein Dattelplätzchen im Dekolleté platziert und ein Mann aus dem Publikum es mit dem Mund von dort entfernt. Ulrike Mannels Bühnenfigur ist großartig in Szene gesetzt.

Der Wiedererkennungs-Effekt zündet: Der Tanz zwischen den Sorgen und Ängsten beim Älterwerden. Der Mut, der Trotz sich dagegen zu stellen. Es ist eine sehr überzeichnete Figur, die die Kabarettistin da präsentiert. Eine mit Miss Piggy-Charme, aber eine, die direkt dem Leben entstiegen ist. Köstlich auch, wie sie dabei in ihren Erinnerungen schwelgt: „Machst du mir ein Kind beim nächsten Nato-Gipfel? Du bist meine Startbahn West.“

Als Höhepunkt erscheint sie als Angela Merkel: „Entspannen sie sich. Tun sie jetzt gar nichts. Das tu ich auch oft.“ Lautstarker Applaus für diese pfundige Freiheitskämpferin.

Ganz andere Sorgen hatte der politische Kabarettist Tilman Lucke. So brav, unscheinbar, ja fast schüchtern, wie er sich gibt, könnte man ihn spontan für einen halten, der noch bei Mutti wohnt und keiner Fliege etwas zuleide tun kann.

Weit gefehlt. Er ist ein schelmischer Spitzbube mit diabolischem Rasenmäher-Charme. Frech, sarkastisch, ironisch und respektlos. Er schickt Politiker über den Laufsteg der Schmähungen, nennt Pofalla eine „Art Theo Lingen für Verhaltensgestörte“ und beweist bei seinen Rundumschlägen gegen Banken, Wirtschaft und Politiker, dass er ein Wadenbeißer mit Giftzähnen ist. Auffallend: Obwohl so jung an Kabarettisten-Jahren, beherrscht er den Biss der alten Kabarett-Schule, wie ein alter Hase. Vollständige Sätze? Im Gegenteil. Hier eine Andeutung, da ein Nomen, dort eine Anspielung, dann noch den Satz an der richtigen Stelle abbrechen und scheinheilig eine Frage nachschieben – das ist beste Kabarett-Tradition und wird von Lucke noch ergänzt: Er spielt auch noch Keyboard und reimt seine Bosheiten im Sprechgesang.

Schade, dass der junge Scharfdenker sich nach der großartigen ersten halben Stunde in zu vielen Nebenschauplätzen verlor. Als Rohdiamant ist Lucke vielleicht noch etwas ungeübt in der Erkenntnis, dass zu viel des Guten etwas nicht besser macht. Bis zur Hälfte des Programms aber bot er bärenstarkes Kabarett. Von dem jungen Mann wird man noch viel hören.

Von Steve Kuberczyk-Stein

Quelle: HNA

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