Drei Jahre Entzugsstation im Waberner Karlshof - Nachfrage nach wie vor groß

Warteliste wird länger

Suchtmittel Nummer 1: Mehrere hunderttausend Kinder und Jugendliche in Deutschland trinken exzessiv und gesundheitsgefährdend Alkohol. Foto:  dpa

Wabern. Fast 300 suchtkranke Kinder und Jugendliche wurden in der in Hessen einmaligen Station für kontrollierten Suchtentzug im Waberner Karlshof seit 2008 behandelt. Und die Nachfrage ist nach wie vor groß.

„In Nordhessen gibt es trotz der Entzugsstation zu wenige psychiatrische Behandlungsplätze für Kinder und Jugendliche. In der ersten Zeit hatten wir im Schnitt immer zwei Betroffene auf der Liste, mittlerweile sind es fünf“, sagt Mareike Schüler-Springorum, Klinikdirektorin der Vitos-Klinik Bad Wilhelmshöhe. Da könne es zu Wartezeiten von einigen Monaten kommen.

Nach drei Jahren Arbeit lägen ihnen noch weitere Erkenntnisse vor, sagt Ralf Dötig von der Universität Kassel, der die Arbeit der Station wissenschaftlich begleitet. Die Planer hatten damals die Vorstellung, in einer Entzugsstation werde man es überwiegend mit Heroinabhängigen zu tun haben. Von der Planung seit den 90er-Jahren bis zur Eröffnung der Station 2008 hatten, so Dötig, die meisten Menschen noch Bilder von Christiane F. und die Kinder vom Bahnhof Zoo im Kopf. Diese Befürchtung habe sich nicht bestätigt.

90 Prozent trinken Alkohol

90 Prozent der jungen Patienten, die in Wabern behandelt werden, haben ein Alkoholproblem, 70 Prozent konsumieren Cannabis und fast alle (97 Prozent) sind starke Raucher. „Heroin spielt in der Entzugsstation kaum eine Rolle“, sagt Dötig. Etwa 20 Prozent schlucken Amphetaminen oder Ecstasy. Auffallend sei allerding: Keiner der Jugendlichen habe ein reines Suchtproblem, sondern zusätzlich Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, Ängste und ein gestörtes Sozialverhalten.

Eine Erkenntnis: Die meisten der behandelten Jugendlichen sind ganz erheblich in ihrer sozialen Entwicklung beeinträchtigt. Außerdem seien etwa 35 Prozent der Kinder und Jugendlichen vor ihrer Zeit in der Entzugsstation durch Sachbeschädigung, Diebstahl, Körperverletzung und Drogenhandel straffällig geworden. Die Erkrankten kommen zu 80 Prozent aus Kassel und Nordhessen, ansonsten aus anderen Gebieten in Hessen und vereinzelt aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.

Für einige der jungen Patienten wäre eine tagesklinische Behandlung nach dem konrollierten Enzug sinnvoll. „Es werden viele rückfällig,“ sagt Schüler-Springorum. „Sie kommen zwei oder drei Mal in die Entzugsstation, einige sogar bis zu sechs Mal.“ Um sich von einer Sucht zu lösen, seien sehr oft mehrere Anläufe nötig. Der Bedarf sei da. Und viele Jugendliche ließen sich für den Ausstieg motivieren. Doch ohne folgende Therapie sei es für viele Jugendliche schwer, auf Alkhohol und Drogen zu verzichten.

Für suchtkranke Kinder und Jugendliche gibt es im Schwalm-Eder-Kreis noch die Fachklinik Böddiger Berg. Dort stehen 16 Therapieplätze zur Verfügung.

Quelle: HNA

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