Gesellschaft für Nordhessische Mundart pflegt sprachliche Eigenheiten der Region

Weggewerg ist in Gefahr

Bad Zwesten. „Schön ist die Mundart, off hie odder do, sprecht alle mehr Platt- gemicken nochemo“, forderte Mundartsprecher Herbert Jacob aus Bründersen die rund 170 Gäste beim 12. Mundarttag im Bad Zwestener Kurhaus auf. Er hatte dem Publikum den „Plattschwätz-Äquator“, die Sprachgrenze erklärt, die den niederhessischen vom niederdeutschen Dialekt trennt und nur wenige Kilometer hinter Bründersen verläuft.

Für die niederhessischen Zuhörer gab er eine mundartliche Übersetzung, die oft vergnüglich war: So wird aus einer niederhessischen Maus „Mus“ und aus Mus „Maus“- Sprachverwicklungen waren da programmiert.

Eingeladen hatte die Gesellschaft für Nordhessische Mundarten (GNM) und die Gemeinde Bad Zwesten. 15 Mundartsprecher und fünf Gruppen unterhielten die Zuhörer mit Vorträgen, Sketschen und Gesang.

Organisiert hatte die Veranstaltung Roland Siebert, Vorsitzender der GNM. „Wir wollen einen Anreiz geben, Mundart weiter zu sprechen und zu erhalten, als Wurzel des dörflichen Lebens“, sagte Siebert.

Die gesprochene Sprache sei das Gedächtnis der Dörfer und diene der Überlieferung von Traditionen, die in Vereinen wie der Feuerwehr und dem Chorverein gepflegt werden. Gäbe es diese Traditionen nicht mehr, wären die Dörfer tot.

Daher liege dem Verein daran, die Mundart zu erhalten, beispielsweise mit einer Sammlung von Wörtern, die vor dem Vergessen bewahrt werden sollten. Siebert: „Wo nordhessisches Platt gesprochen wird, fühlen wir uns zu Hause.“

„Wo nordhessisches Platt gesprochen wird, fühlen wir uns zu Hause.“

Roland Siebert

„Das ist die besondere Kraft des Dialekts: Die sprachmächtigen Worte, die es in Standarddeutsch nicht gibt“, erklärte Reinhard Umbach, auch bekannt als Hessen-Henner. Beispielsweise gebe es für Worte wie „Weggewerg“ und „blolabben“ (siehe Hintergrund) keine Übersetzung.

Dass auch schon die Jüngsten Freude an der Pflege der Mundart haben, zeigten Schüler sowie ehemalige Schüler der Grundschule Mengsberg-Momberg mit einem niederhessischen Theaterstück. Gelernt hatten die meisten von ihnen den Dialekt in einer Mundart-AG in der Schule; nur wenige kannten ihn von zu Hause.

Einmal in der Woche übt AG-Leiterin Ellen Staufenberg mit den Schülern der Klassen drei und vier die heimische Sprachform, singt mit ihnen Lieder und schreibt Sketche.

„So viele ‚Wänste’ auf der Bühne haben wir auch noch nicht gehabt“, scherzte der Hessen-Henner und Lehrer Umbach, der von dem Schulprojekt begeistert ist und auch selbst seine Schüler manchmal mit einem Sprechgesang in Mundart überrascht.

Für gute Stimmung sorgte der Kerstenhausener Landfrauenchor unter Leitung von Marlis Mardorf, der das Publikum zum Mitsingen aufforderte.

Viel Gelächter erntete eine Parodie des Erlkönigs in Kirchheimer Platt von Günter Pfarr, der in Reimform die Nöte eines Wanderers beschrieb, der zu viel Sauerkraut gegessen hatte und „die schnelle Kathrine“ bekam. Die älteste Mundartsprecherin war die 90-jährige Elli Schäfer, die wahre Geschichten aus Bad Zwesten erzählte.

Bei den Zuhörern kamen die Mundartvorträge und Lieder gut an: „Es ist schön zu hören, das lässt das Alte wieder aufleben“, sagte Rosemarie Slepitzka aus Lohfelden. Früher sei das Sprechen von Mundart verpönt gewesen, erinnerte sie sich.

Von Bettina Mangold

Quelle: HNA

Kommentare