Wettesinger berichtet in Wortmann-Film von Rollstuhlfahrer-Alltag

Ein Bild aus der aktiven Zeit: Beim Paratriathlon, wie hier in Hamburg vor gut zwei Jahren, feierte Markus Häusling zahlreiche sportliche Erfolge. Foto:  nh

Wettesingen. Als einziger Justizvollzugsbeamter Hessens, der im Rollstuhl sitzt, und als erfolgreicher Paralympicssportler ist Markus Häusling weit über die Grenzen der Region bekannt. Nun berichtet der Wettesinger in Sönke Wortmanns Kinofilm „Deutschland.

Dein Selbstporträt" über seinen Alltag.

Seit den Filmaufnahmen, die vor einem Jahr gemacht wurden, hat sich der Gesundheitszustand des Wettesingers verschlechtert. Im Dezember bekam er die Diagnose ALS.

„Als die Aufnahmen gemacht wurden, war ich noch gesund“, sagt der 45-Jährige. Seit elf Jahren sitzt er zwar schon wegen einer Nervenerkrankung an den Beinen im Rollstuhl, doch er hat stets weiter in der JVA Kassel I gearbeitet und als Sportler an unzähligen Wettkämpfen teilgenommen.

Der Sport bestimmte einen Großteil seiner Freizeit und das ist auch im Film zu sehen. Ein Kameramann hatte ihn im Juni 2015 nach Hannover in den Olympiatützpunkt zum Training begleitet, aber auch zum Dienst ins Kasseler Gefängnis. Dafür gab es eigens eine Sondererlaubnis vom Innenministerium und von der Anstaltsleitung, berichtet der Vater zweier Kinder.

Filmpremiere in München: Markus Häusling war Ende Juni bei der Premiere des Films „Deutschland. Dein Selbstportrait“. Auf dem roten Teppich ist Häusling (vorne im Rollstuhl) neben Regisseur Sönke Wortmann (im grauen Anzug) zu sehen. Mit dabei: Andere Darsteller, die mitgewirkt haben. Foto:  Kurt Krieger/nh

Ende Juni feierte der Wortmann-Dokumentarfilm Premiere in München. Für Häusling eine aufregende Erfahrung. „Sönke war locker, freundlich, interessiert. Überhaupt nicht arrogant, sondern ganz normal“, sagt der gebürtige Hofgeismarer. Viele Interviews hat der JVA-Beamte am roten Teppich gegeben und sich oft fotografieren lassen. „Das war schon toll“, sagt er und lacht. In einem Kinofilm habe er schon immer mal dabei sein wollen, sagt er.

Sich selbst bei der Premiere auf der Leinwand zu sehen, als es ihm noch besser ging, war für Häusling hart. Unbekümmert sei er damals noch gewesen. „Das Leuchten in den Augen weicht jetzt langsam der Realität.“ Etwa ein halbes Jahr nach dem Dreh, im Dezember, bekam er die niederschmetternde Diagnose: ALS. Die Erkrankung des Nervensystems ist nicht heilbar und Häusling weiß, dass er in wenigen Jahren sterben muss. Für die Familie war die Diagnose ein Schlag. „Wir haben uns eingeschlossen, viel geredet und geheult“, sagt er. Schließlich habe er gesagt: „Entweder wir akzeptieren das jetzt oder wir gehen kaputt.“

Seitdem hat sich im Leben von Markus Häusling viel geändert. Vier bis fünf Stunden Sport am Tag sind Ergotherapie und Logopädie gewichen. „Ich war auf dem Weg nach Rio.“ Bei den Paralympics wollte er mitmachen, doch Sport sei nun nicht mehr möglich. Zwölf Kilo Muskelmasse habe er bereits verloren.

Doch ans Aufgeben denkt er nicht. Jetzt geht es erstmal mit seiner Familie nach Teneriffa in den Loro Parque. Eine seiner Kolleginnen hatte sich dafür beim Park eingesetzt und die Verwaltung dort hat die ganze Familie nun für einen einwöchigen Urlaub eingeladen. Damit kann er wieder einen Punkt abhaken auf seiner „In Frieden gehen“-Liste, wie er sagt. „Ich habe noch so viel vor.“ Seinen 50. Geburtstag in fünf Jahren und die Silberhochzeit mit seiner Frau Nancy in sieben Jahren, die will er auf jeden Fall noch schaffen. Das hat er sich fest vorgenommen.

ALS: Erkrankung des Nervensystems

Die amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine chronische und fortschreitende Erkrankung des zentralen Nervensystems. Dabei ist derjenige Teil des Nervensystems betroffen, der für die willkürliche Steuerung der Skelettmuskulatur verantwortlich ist. Die motorischen Nervenzellen im Gehirn und im Rückenmark sind bei ALS geschädigt.

Die Krankheit äußert sich in Form von Muskelschwund, Muskelschwäche oder Steifigkeit, meist leiden Betroffene auch unter Schluck- und Sprechstörungen.

In einer Bevölkerung von 100.000 Einwohnern sind zwischen drei und acht Menschen an ALS erkrankt, Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen. Das Haupterkrankungsalter liegt zwischen dem 50. und 70. Lebensjahr. Die mittlere Überlebenszeit nach Diagnosestellung beträgt drei bis fünf Jahre.

Quelle: www.als-charite.de

Infos und Clip

Einen kurzen Trailer zum Film, in dem Markus Häusling zu sehen ist, gibt es unter zu.hna.de/Haeusling

Eine Kampagne, die über die Krankheit ALS aufklären will und die auch von Markus Häusling unterstützt wird, gibt es hier.

Quelle: HNA

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